Story von Carla Luise Roth

 Profil anzeigen
Zielland Tansania
Kategorie
Hochschulbildung
Soziale Netzwerke

Carla Luise Roth, am 22.10.2026 um 20:04

Karibu in Tansania: Die kleinen Dinge, die bleiben

Zwei Monate in Tansania: Zwischen Umarmungen, Zuhören und Herzensprojekten habe ich gelernt, was es bedeutet, gemeinsam etwas zu bewirken

Schon in den letzten Jahren war ich viel unterwegs: allein mit dem Rucksack durch Zentral- und Südamerika und durch Südostasien. Mit jeder Reise wuchs ein Gefühl in mir: Ich bin mit so vielen Privilegien aufgewachsen und möchte davon etwas zurückgeben. In Mexiko habe ich während meines Auslandssemesters Spenden für ein Waisenhaus gesammelt und davon Nahrung, Zahnbürsten, Windeln und Duschsachen gekauft. Dabei habe ich gemerkt, dass man auch als Studentin etwas bewegen kann. Gleichzeitig wollte ich mehr machen, als nur nebenbei Spenden zu sammeln. Ich wollte mich intensiver engagieren und mit den Menschen zusammenarbeiten.

Tansania hat mich schon lange fasziniert: die Vielfalt der Volksgruppen, die unterschiedlichen Kulturen und die vielen verschiedenen Lebensweisen, die hier aufeinandertreffen. Als sich mit meinem Graduiertenpraktikum an der FH JOANNEUM in Graz, gefördert durch Erasmus+, die Chance ergab, bei Umoja Maono in Arusha mitzuarbeiten, musste ich nicht lange überlegen. Mich überzeugte besonders der Ansatz der Organisation: Es geht nicht darum, dass Volunteers kommen und einfach helfen, sondern darum, gemeinsam mit den Menschen vor Ort etwas zu entwickeln. Da ich für meine Arbeit hier kein Gehalt bekomme, hätte ich mir den Aufenthalt ohne Erasmus+ finanziell nicht leisten können. Seit dem 24. August darf ich für zwei Monate dabei sein.

Mit Swahili, Visum und vier Koffern

Schon vor dem Abflug habe ich mich intensiv mit Tansania beschäftigt. Ich habe mir ein paar Grundlagen in Swahili beigebracht, denn ein „Jambo“ oder „Karibu“ öffnet hier viele Türen. Ich habe mich über die Geschichte des Landes und seine mehr als 120 Volksgruppen eingelesen und darüber, wie wichtig Respekt, ausführliche Begrüßungen und angemessene Kleidung im Alltag sind. Auch organisatorisch gab es einiges zu klären: Für die Einreise brauchte ich ein Visum, das ich vorab online beantragen konnte. Außerdem habe ich mich über die Verkehrsmittel informiert, denn in der Stadt sind Daladalas (Minibusse), Bodabodas (Motorradtaxis) und Bajajis (Tuk-Tuks) die üblichen Fortbewegungsmittel.

Dazu kam der Wunsch, nicht mit leeren Händen anzukommen. Über mehrere Wochen habe ich Familie und Freunde gezielt um Unterstützung gebeten und selbst Dinge aussortiert. Mein Gedanke war: Was bei uns herumliegt, kann dort eine große Hilfe sein. Am Ende wurden es vier Koffer. Am meisten freute ich mich auf die Kinder: darauf, sie kennenzulernen und mit ihnen zu lachen.

Zu Hause in Sinoni

Mein erster Eindruck von Arusha war, wie groß die Armut in manchen Stadtteilen ist. Ich wohnte in Sinoni, einem Viertel, in dem viele Menschen kein fließendes Wasser haben. Dort teilte ich mir mit vier weiteren Volunteers ein Zimmer, das nicht größer war als ein gewöhnliches Zimmer für eine Person daheim. Zusätzlich lebte ich mit einer vierköpfigen Familie zusammen: den Eltern, ihrer einjährigen Tochter und ihrem fünfjährigen Sohn. So durfte ich den Alltag hier hautnah miterleben, mit all seiner Wärme, aber auch mit seinen Entbehrungen.

Wie nah beides beieinanderliegt, wurde mir gleich an meinem ersten Tag bewusst. Auf der Straße baten mich Kinder, ihnen etwas zu essen zu kaufen, weil sie seit Tagen nichts gegessen hatten. Solche Momente vergisst man nicht.

Kuscheltiere und Freudentränen

Umso schöner war der Moment, auf den ich mich schon seit Wochen gefreut hatte: Ich durfte die Spenden aus meinen vier Koffern verteilen. Mit je 23 Kilo waren sie gefüllt mit Schulsachen, Kleidung, Elektronik und Spielsachen. Als ich den Kindern die Kuscheltiere überreichte, sprangen sie von allen Seiten auf mich zu, wollten mich umarmen und küssen, und es flossen Freudentränen. Mit einer solchen Reaktion hatte ich nicht gerechnet. Dieser Moment bleibt für immer bei mir.

Gemeinsam statt für andere: Meine Arbeit bei Umoja Maono


Umoja Maono arbeitet mit Kindern in einem Schulprojekt, mit einer Frauengruppe und in Zusammenarbeit mit einer Maasai-Gemeinschaft. In all diesen Bereichen durfte ich mitarbeiten. Aus meinem Bachelorstudium International Management und meiner Fundraising-Erfahrung aus Mexiko konnte ich Wissen zu Marketing und Finanzen einbringen. Ich habe den Social-Media-Auftritt der Organisation mitgestaltet, Beiträge erstellt, potenzielle Sponsoren und andere Organisationen kontaktiert und an Fundraising-Texten gearbeitet. Dabei habe ich schnell gemerkt, dass es nicht reicht, mit fertigen Ideen anzukommen. Zuerst muss man verstehen, wie die Menschen vor Ort arbeiten, was ihnen wichtig ist und was sie tatsächlich brauchen.

Ein Laden als Traum: Mein Herzensprojekt mit der Frauengruppe

Das wurde mir besonders bei meinem Herzensprojekt mit der Frauengruppe bewusst. Viele der Frauen kommen aus schwierigen Verhältnissen und kämpfen um ihre Unabhängigkeit. In Gesprächen erzählten sie mir von ihrer Arbeit, ihren Wünschen und ihren Lebensgeschichten. Sie möchten einen eigenen kleinen Laden eröffnen, in dem sie Reis, Tomaten und andere Produkte gemeinsam verkaufen können. Ich habe mit ihnen besprochen, was sie dafür benötigen, und Spenden für das Startkapital gesammelt. Einen Ort für den Laden haben sie bereits. Für mich ist es schön zu wissen, dass ich nicht einfach etwas für die Frauen entschieden habe, sondern sie dabei unterstützen konnte, ihre eigene Idee umzusetzen. Der Laden soll ihnen helfen, selbstständiger zu werden und sich eine eigene Einkommensquelle aufzubauen.

Auch die Frauen der Frauengruppe waren gerührt, als sie Kleidung für ihre Kinder aus meinen Koffern bekamen. Besonders in Erinnerung bleibt mir die Begegnung mit den Maasai-Frauen. Sie sangen für mich, um sich zu bedanken, und nahmen mich anschließend eine nach der anderen in den Arm. Wir sprachen nicht immer dieselbe Sprache, aber in diesem Moment war das auch gar nicht notwendig. Sogar über eine alte Kamera, die bei mir nur herumgelegen hatte, freute sich das Team unglaublich. Es sind die kleinen Dinge, die wir kaum beachten und die für andere Menschen einen ganz besonderen Wert haben können.

Ein Tag für einen Eimer Farbe

Im Alltag lernte ich schnell, dass hier vieles anders funktioniert. Farbe für die Schulwände zu besorgen, wäre in Österreich eine Aufgabe für eine Stunde. In Arusha kann sie einen ganzen Tag dauern. Und trotzdem war dieser Tag nie verloren: Unzählige Menschen haben versucht, mir zu helfen, haben Wege erklärt, telefoniert und mich weitergeschickt. Ich habe gelernt, dass Tempo nicht alles ist und dass Hilfsbereitschaft eine Form von Reichtum sein kann.

Neben der Arbeit mit der Maasai-Gemeinschaft durfte ich auch zwei weitere Volksgruppen Tansanias besuchen, die Hadzabe und die Datoga. Ich konnte nicht nur zuschauen, sondern auch mitmachen: Ich lief mit ihnen durchs Gebüsch, ging mit auf die Jagd und kochte mit ihnen. Ich kam als Gast und fühlte mich wie eine Lernende.

Als Gast bei den Hadzabe und Datoga

Bei den Hadzabe durfte ich ein zehn Tage altes Mädchen im Arm halten. Dabei musste ich daran denken, wie unterschiedlich die Möglichkeiten sein können, mit denen Menschen ins Leben starten. Ich bin in Österreich geboren und hatte dadurch Zugang zu Bildung und Reisefreiheit, die für viele andere nicht selbstverständlich sind. Die Menschen, denen ich dort begegnete, wirkten auf mich zufrieden mit ihrem Leben. Gleichzeitig wurde mir bewusst, wie sehr unser Geburtsort unsere Chancen beeinflusst, obwohl keiner von uns entscheiden kann, wo er geboren wird. Dieser Gedanke hat mich lange beschäftigt.

Wo Veränderung Geduld braucht

Mich hat tief beeindruckt, wie hart die Menschen hier für ihr tägliches Brot arbeiten. Alleinerziehende Frauen müssen teilweise rund 20 Euro im Monat allein für die Schulgebühren ihrer Kinder aufbringen, bei einem Einkommen, das oft kaum zum Leben reicht. Das hat meinen Blick auf meine eigenen Sorgen verändert.

Am schwersten fiel mir die Situation der Maasai-Frauen. Ich habe von Fällen erfahren, in denen Mädchen bereits im Babyalter einem Mann versprochen werden. Zu sehen, wie wenig Entscheidungsmöglichkeiten manche Frauen haben, war oft hart. Umoja Maono versucht, mit Bildung und langfristiger Arbeit Veränderungen anzustoßen und zu zeigen, dass Frauen und Männer gleichwertig sind. Dabei zu sein hat mir gezeigt, wie viel Geduld Veränderung braucht. Es reicht nicht, von außen zu kommen und zu denken, man wisse sofort, was richtig ist. Und es hat mich in meiner Überzeugung bestärkt: Bildung ist einer der wichtigsten Wege, um langfristig etwas zu verändern.

Mehr bekommen als gegeben

Vermisst habe ich meine Familie und meine Freunde, aber auch Kleinigkeiten: eine warme Dusche und das Gefühl, abends mit vollem Magen ins Bett zu gehen. Beides ist für viele Menschen hier nicht selbstverständlich, und dieser Gedanke begleitet mich seitdem. Gleichzeitig ist mir aufgefallen, in welchem Tempo wir in Österreich leben und wie selten wir uns Zeit nehmen, kleine Momente zu schätzen.

Ich bin nach Tansania gekommen, weil ich etwas zurückgeben wollte. Ich dachte, ich könnte den Menschen hier viel beibringen. Heute weiß ich, dass ich selbst extrem viel gelernt habe: über andere Lebensrealitäten, über Geduld und darüber, dass nachhaltige Unterstützung damit beginnt, Menschen zuzuhören und ihre eigenen Ideen ernst zu nehmen. Besonders die kleinen Dinge werden mir in Erinnerung bleiben: die Freude der Kinder über ihre Kuscheltiere, die Umarmungen der Maasai-Frauen und die Hilfsbereitschaft von Menschen, die sich Zeit genommen haben, mir zu helfen.

Mitnehmen werde ich Dankbarkeit, neue Erfahrungen und ein tieferes Verständnis für andere Kulturen, das meine zukünftige Arbeit prägen wird. Und die Gewissheit, dass das nicht mein letzter Freiwilligeneinsatz war.

Wir sprachen nicht immer dieselbe Sprache, aber Lachen verstehen alle