Tagebuch von Carolin Oberleiter

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Ausbildungsland Niederländische Antillen
Geburtsdatum 09.07.1999
Ausbildung
Studierende/r
Soziale Netzwerke & Rss

Carolin Oberleiter, am 09.11.2020 um 19:51

Eine Zeit voller Dankbarkeit

Part 6

Vor ein paar Wochen feierten wir noch Karneval. Doch langsam aber sicher erreichten die Auswirkungen der weltweiten Pandemie auch Aruba. Touristen mussten abreisen, die Grenzen wurde geschlossen, sowie zahlreiche Lokale, Geschäfte und auch die Universität. Quarantäne in dem Sinne gab es keine, es wurde lediglich eine nächtliche Ausgangssperre verhängt. Panik machte sich breit. Wir wurden Zeugen leerer Regale, panischer Einkäufe… als hätte die Menschheit in ihrer Entwicklung einen Schritt zurück gemacht. Um die Frage zu beantworten, wie ich mich auf die neue Situation eingestellt habe, kann ich nur sagen: Ich habe mich wieder auf die Dinge besonnen, die wirklich wichtig sind. Die Gesundheit zum Beispiel, die Bedeutung von Freundschaften und das Vertrauen darauf, dass alles gut wird. All das weiß man eigentlich, nur muss man sich von Zeit zu Zeit wieder darauf besinnen.  

In dieser Zeit habe ich unendlich viel gelernt. Zum Beispiel, dass es nicht selbstverständlich ist, Zugang zu Bildung zu haben, zur Universität, zur Bibliothek. Auf einmal ist es nicht mehr selbstverständlich, dass die eigenen Eltern täglich zur Arbeit fahren können, dass die Grenzen offen sind, man uneingeschränkt reisen kann und die Familie besuchen wann immer man will. Ja, ich kam aus Zeitgründen nur zwei, drei Mal im Jahr nach Hause. Wenn überhaupt. Aber es war jederzeit uneingeschränkt möglich. Es ist ebenso nicht selbstverständlich, stets volle Regale in den Supermärkten vorzufinden, sich umarmen zu dürfen, einen Wohnraum zu haben, in dem man sich wohlfühlt und diesen jederzeit verlassen zu dürfen. Vor allem ist es nicht selbstverständlich, gesund zu sein. Ich bin so dankbar, denn ich habe erlebt, dass es überall Menschen gibt, die es gut mit dir meinen und auf die man sich immer verlasse kann. Obwohl die wirtschaftliche Lage inselweit bergab ging, als keine Touristen mehr einreisen durften und obwohl jeder sein eigenes Gewicht zu tragen hatte, boten uns unsere arubianischen Freunde ein Dach über dem Kopf an, sollten wir am geplanten Datum nicht abreisen können. Sie brachten uns zu Supermärkten, zur Apotheke und wieder sicher "nach Hause". Dabei kannten sie uns gerade einmal seit ein paar Monaten. Ich habe gelernt, dass man überall auf der Welt Zuhause sein kann, wenn es Menschen gibt, die den Ort zu einem Zuhause machen.

Die Zeit, in der ich vom Balkon aus Kreuzfahrtschiffen beobachten konnte, war vorbei. Tag für Tag lag mehr Spannung in der Luft. In den „klassischen Studentenunterkünften“ machte sich Panik breit. Innerhalb weniger Wochen reduzierte sich die Anzahl der Erasmus-Studierenden auf der Insel auf 20%. Viele waren dazu gezwungen, die Insel vorzeitig zu verlassen. Manche aufgrund der besorgten Eltern, manche aufgrund der steigenden Mietkosten als Mitmieter abreisten. Es war schlimm, das mit anzusehen. Wir hatten Freundschaften geschlossen und nicht damit gerechnet, uns so schnell schon wieder von ihnen verabschieden zu müssen. Zurück blieben unbezahlbare Erinnerungen, zahlreiche Fotos und X volle Taschen mit Lebensmitteln, die wir dankend annahmen.

Wir alle telefonierten und beratschlagten mit unseren Eltern. Für sie und mich war von Anfang an klar, dass ich bleiben würde, da die Lage in Italien zu diesem Zeitpunkt um Einiges schlimmer war. Ein Repatriation Flight hätte mich nach Rom gebracht. Meine Eltern und ich waren uns einig. Ich sollte weder am Flughafen noch stundenlang im überfüllten Zug sitzen. Mein Vater war fest davon überzeugt, dass ich, ohne es zu wissen, auf dem „sichersten Fleckchen Erde“ gelandet sei. So war es wahrscheinlich auch und dafür bin ich sehr dankbar. Aruba ist eine sehr kleine Insel, nachdem also die Grenzen geschlossen wurden, gingen die neuen Fälle rasch nach unten. Ich war mir sicher, bis Mitte Juni wären wir wieder bei 0. Und so war es auch. Aber die Grenze blieb zu.

Fluch und Segen: Leere Strände in Covid-Zeiten