Story von Christina

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Zielland Island
Kategorie
Erwachsenenbildung
Soziale Netzwerke

Christina, am 10.09.2026 um 16:07

(Bibliotheks-)Abenteuer Island

Eine Reise in den hohen Norden und in die Zukunft von Bibliotheken

Ich war schon dreimal in Island. Und genau deswegen musste es wieder Island sein, mein persönlicher „dritter Ort“. Eine Verbindung zwischen Arbeit und dem, was ich liebe > Bücher und Island, besser geht es nicht. Es hat im Vorfeld auch alles wie am Schnürchen geklappt, Frau Popovici vom BVÖ stellte die Verbindung her, meine Anfrage wurde herzlich angenommen, ich habe alles drumherum organisiert und dann war es auch schon Mai 2026. Ich saß im Flugzeug. Ok, da hab ich mir kurz gedacht: „Warum Christina?“ weil ich furchtbare Flugangst habe und mir bei jedem Start, jeder Landung und jeder Turbulenz schwöre, NIE wieder in ein Flugzeug zu steigen und irgendwie.. sitze ich immer wieder drin! Aber ich habe auch diesen Flug überlebt und bin tatsächlich gelandet und möchte mich persönlich bei dem Pilot und dem Flugzeug dafür bedanken. Jedesmal. 


Gelandet auf der Insel, die mich stets unaufgeregt mit all dem Moos, der schwarzen Lava, den unfassbar gigantischen Wasserfällen (einfach so neben der Ringstrasse) willkommen heißt. Ich bin wohl eine sogenannte: Íslandsvinur, eine Freundin von Island mit unerklärlich tiefer Liebe zu dieser geologisch jungen und sich ständig verändernden Insel, eine Freundin die verlässlich immer wieder kehrt! Weil… wirklich fast überall muss ich laut aufschreien: „Das ist der schönste Ort, an dem ich jemals gewesen bin!“ und eine Stunde später wieder. Ich möchte gleichzeitig ALLES erleben (weil wenn ich schon mal geflogen und dort bin muss ich überall hin) und aber auch an jedem Ort tagelang verweilen, denn diese Schönheit hat es einfach verdient! Dieses Vorbeirasen mit dem Auto aufgrund der langen Distanzen und nicht überall lang Schauen können tut schon ein bisschen weh.


Nach einer längeren Autofahrt nach Akureyri und einer taghellen Nacht, bin ich dann in der Bibliothek erschienen, wo ich sehr freundlich empfangen und mir auch alles genau erklärt wurde. Im Laufe der Woche hatte ich Termine mit den unterschiedlichen Mitarbeiter:innen, die mir jeweils ihre Arbeitsbereiche vorgestellt und wir uns gegenseitig upgedatet haben. Da waren viele Aha Momente dabei, ich hab soviel notiert und auch menschlich war es so erfrischend!


In Island gibt es ein Bibliotheksgesetz. Es verpflichtet den isländischen Staat und die Kommunen zur Förderung eines flächendeckenden Bibliotheksnetzes, das freien Zugang zu Wissen und Bildung bietet. Deshalb sind auch alle Mitarbeiter:innen hauptamtlich. Was (gefühlt) einen Blick in die Zukunft der österreichischen Bibliotheken ermöglicht, wie in einer Zeitmaschine.

Was meine ich damit? Durch die hauptamtliche Aufgaben(ver)teilung und die Verlagerung der Arbeitszeit von der Ausleihe (Selbstverbucher) zu den jeweiligen Gebieten, blieb Zeit und Raum um sich als soziale Begegnungsräume, Kultur – und Vermittlungsorte weiterzuentwickeln. Jede:r Bibliothekar:in bleibt aber trotzdem mit allen Kunden in Kontakt, da sie abwechselnd Dienst am „circulation desk“ haben, wo sie Ansprechpartner:innen für alles sind. 


Beginnend mit Makerspaces: es stehen Nähmaschinen zur Verfügung, Hochbeete, leere Küchen, PLATZ zum kreativ sein (große Tische).

Jugendliche dürfen auch einfach nur hier sein: auf einem Sofa mit Steckdose und Internet. Wenn sie wollen, gäbe es Platz zum kreativ sein und/oder Spiele spielen oder einen Bookclub zu starten. 

Bibliotheksprogramme für Jugendliche gibt es auch, und sie nutzen sie auch, sogar freiwillig. 

Es gibt haufenweise Swapmarkets: Getauscht werden Kleidung, Faschingskostüme, Pflanzen, Kuchenformen.

Das rote Kreuz bietet mehrmals wöchentlich einen gratis Isländischkurs an. 

Prinzipiell jede:r, der/die was anbieten möchte, bekommt den Raum und auch noch die Werbung. 

Spieleabende werden genutzt, sie dauern regelmäßig drei Stunden länger als geplant. 

Die Bibliothekar:innen machen sich Gedanken, wie sie die fremdsprachigen zugewanderten Bewohner:innen informieren können, dass es auch für sie viele Bücher in der Bibliothek gäbe. Am Allerbesten ginge das - laut ihnen - mit kostenlosem leiblichen Wohl! Ein guter Anlass immer mal wieder internationale Essensabende zu machen, die teilweise auch schon so gut besucht waren, dass die Räume aus allen Nähten geplatzt sind. 

Im Foyer befindet sich eine monatlich wechselnde Ausstellung eines/einer lokalen Künstler:in. 

Als Literaturvermittlerin hat mich die Kinderbibliothek magisch angezogen. Neben einem eigenen Basteltisch und Lagerraum für viel (gespendetes) Bastelmaterial gibt es mehrere Ecken und Teppiche zum Kuscheln und Verstecken, Vorlesen und Schauen. 

Kleine Säckchen mit einem Buch und einer Spielfigur zum Buch hängen an den Wänden. Es gibt sehr viele Comics (auch sehr alte). Die Bücher für die Kleinen sind mit einem Farbpunktesystem geordnet, dass sie sie auch selbst finden und zurücklegen können. Es gibt Erzählwürfel, Stillkissen und Kuscheldecken. Etwas, was die Bibliothekarinnen sehr beschäftigt ist, dass wenige Kinder – und kaum Jugendbücher ins Isländische übersetzt werden. 

Am Donnerstag durfte ich dann einen Workshop abhalten – den Herrn Fuchs von Franziska Biermann– auf englisch. 

Ich hatte seine karge Schuhschachtelwohnung mit dabei (hat im Flugzeug etwas gelitten), die Waldsachbücher, die Banditenmasken, natürlich den Herrn Fuchs selbst und Salz und Pfeffer. Bei der Vorbesprechung waren die Bibliothekarinnen schon so aus dem Häuschen, dass sie das ganze Haus zusammentrommelten. Das war sehr schön, denn so konnte auch ich ein „kreatives Samenkorn“ in Island zurücklassen. Die Veranstaltung selber klappte einwandfrei, ich erzählte in (mehrmals geübten) Englisch, die Kinderbibliothekarin übersetzte ins Isländische. Spätestens als die Kinder dann die Zeichnungen anfertigten, wie sie dem Herrn Fuchs helfen können, wusste ich, sie haben sehr wohl alles verstanden und sind auch in der „Fuchsenergie“. Eine Besonderheit war, dass es ja in Island gar keine Rotfüchse gibt! Dort wohnen die Polarfüchse. Vielleicht mag der ein oder andere Polarfuchs ja auch Bücher zum Fressen gern?

Nach der Woche in Akureyri hab ich mich etwas wehmütig verabschiedet und bin in die Westfjorde gefahren.

Eine noch sehr abgelegene Gegend, mit vielen Tieren zum Beobachten, überwältigender Natur, manchmal sogar noch unbefestigten Strassen! Ende Mai sind Millionen von Zugvögeln in Island, die Lupinen beginnen zu blühen. Man kann in Freiheit lebende Wale und Robben beobachten und Papageientaucher treffen. In der Hauptstadt der Westfjorde, Isarfjördur, gibt es eine große Bibliothek, in ein altes Krankenhaus gebaut. Wunderschön, innen und auch die Ausblicke nach außen durch die Fenster. 

Kurz vor meinem Abflug in Reykjavik erreichte meine Bibliotheksbegeisterung dann noch einen weiteren Höhepunkt, als ich nämlich eine der dortigen acht Bibliotheken besuchte: Die Kópavegur Main Library, eine dreistöckige riesige Bibliothek der Superlative. Im unteren Stock die Kinderbibliothek, die ein gelungenes Zusammenspiel zwischen Museum und Literatur bietet. Zwischen Walskelett, Pflanzen, verschiedenem Lavagestein, Tieren und Relikten aus Island findet man in unmittelbarer Nähe die Sachbücher dazu. Mein MINT und Literaturvermittlungsherz hat laut geschlagen!

Ich war so fasziniert, dass ich wohl mit offenem Mund dastand und die Bibliothekarinnen mich ansprachen. Nachdem ich meinen Zustand und meinen Beruf erklärt hatte, zeigten sie mir ihren „secret story room“: einen Raum mit geheimer Eingangstür, vielen Vorhängen (hinter denen Bastelmaterial in Hülle und Fülle versteckt ist), Polstern und Teppichen, in dem jede Woche eine andere Literaturvermittlung stattfindet. Ein Traum. Einfach ein Traum. Alles. Der Raum, die Tür, der Platz, das Bastelmaterial und das Lager vor Ort, die Idee, die Möglichkeiten, die Bücher, die Utensilien, die Priorität!

Und Schuhe ausziehen nicht vergessen! Auch in der Bilderbuchecke und im Erstlesebereich. Im Winter ist da einfach zu viel Matsch. 

Oben befindet sich der Erwachsenenbereich und die Belletristik. Neben den Krimis wurde ich Zeuge eines spektakulären Ereignisses: es trafen sich Damen auf Fahrrädern kommend in großen Runden zum Häkeln und ganz laut durcheinander Plaudern. In der Mitte Kekse. Jede arbeitete an ihrem Projekt. Eine Geräuschkulisse, die sein durfte. Kreativität, die sich gegenseitig motivierte und bereicherte. DAS ist es. Was sich nicht wirklich umfassend erklären lässt und auch nicht muss, aber einen ganz wichtigen Schritt in die Bibliothekszukunft darstellt. Gefühlt. 

Alles in allem: Eine Reise ist immer ein Abenteuer, sie erweitert den inneren Horizont und fügt eine Menge innerer Landschaftsbilder hinzu. Danach denkt frau größer, ist mutiger und voller Energie. Das Erasmusprojekt im Speziellen war eine große Inspiration im „Denken der Zukunft von Bibliotheken“, ein Formen von Visionen und Ideen für das praktische Umsetzen. Ja, ich würde sagen es war eine Zeitreise, die mein Berufsbild als Bibliothekarin gestärkt hat. Zwischen all dem Chaos fehlt oft die Zeit zu reflektieren, warum mach ich die Bibliotheksarbeit eigentlich so gern, warum hab ich mich für diesen Beruf entschieden und nicht zB für einen hochbezahlten Job in der Wirtschaft? 

Weil Bibliothekarin sein einfach alles ist: Pädagogin, Seelsorgerin, Managerin, social media Expertin, Talenteschmiedin, Literaturreferentin und Vermittlerin, Märchentante, Schauspielerin, Lobbyistin, Freundin, man ist in Kontakt mit vielen interessanten Menschen und Institutionen, erkennt Potential. Das ist schön und macht es unheimlich interessant. 


Aber auch meine „Zeitreise in die Zukunft“ zeigt: Bibliotheken öffnen sich von reinen „Wissenslagerungsstätten“ zu sozialen Begegnungsorten, Vermittlungsgelegenheiten, Auszeitplätzen ohne Gegenleistung. kreativen Entfaltungsmöglichkeiten, Entspannungs – sowie Arbeitsplätzen, erste Anlaufstelle für diverse Veranstaltungen, Lehr- und Lernorten, Ideenwerkstätten u.v.m. Und so vielfältig ich als Bibliothekarin bin, so vielfältig ist auch meine Bibliothek, auch ich als Bibliothekarin kann meine Interessen und Energien konstruktiv umsetzen und damit weitere Menschen inspirieren und motivieren! Das geht nicht in vielen Berufen, wenn wir uns ehrlich sind. 

Vielen Dank an alle Beteiligten, dass ich das erleben durfte! Wissen und Erfahrung soll geteilt werden, damit alle was davon haben, deswegen habe ich diesen Artikel gerne geschrieben. Das ist schließlich auch der Sinn und Gedanke hinter Erasmus.

Christina und Herr Fuchs in der Bibliothek Akureyri