Es ist Montagnachmittag, halb fünf, und wir stehen auf einer alten Holztribüne. Die Gruabn, früher das Stadion des SK Sturm Graz, heute ein stiller Platz mitten in der Stadt. Neben mir fünf Männer aus Leipzig, die seit dem Vormittag durch ein nagelneues Trainingszentrum geführt worden sind. Kunstrasen, Videoanalyse, Kabinen wie bei einem Profiklub.
Und jetzt das hier. Holz, Rost, ein Vereinsschild von 1909.
Einer von ihnen sagt: „Das ist eigentlich die spannendere Geschichte."
Ich habe diesen Platz hundertmal gesehen. In diesem Moment habe ich ihn zum ersten Mal verstanden.
Angefangen hat es im Mai, in Leipzig
Da war ich der Gast. Ich bin durch fremde Schulen gelaufen, habe mir fremde Strukturen erklären lassen und ununterbrochen Fragen gestellt. Wie macht ihr das? Wer entscheidet das bei euch? Warum so und nicht anders?
Gastsein ist bequem. Man schaut, staunt, vergleicht, nimmt mit. Man notiert die Ideen, die man zu Hause ausprobieren will, und fährt mit dem angenehmen Gefühl heim, etwas gelernt zu haben.
Im August kamen sie zurück. Fünf Personen aus Sachsen, Verbandsleute, Schulverwaltung, ein Lehrer, diesmal zu einem Job Shadowing bei uns in Graz. Vier Tage Programm, zwei Fußballakademien, ein Sportgymnasium, ein Leistungsdiagnostikzentrum, ein Buschenschank in der Südsteiermark.
Und ich habe gemerkt: Die andere Seite ist die anstrengendere. Und die lehrreichere.
Fremde Augen sehen anders
Wenn man zwanzig Jahre in einem System arbeitet, wird es unsichtbar. Man sieht keine Struktur mehr, sondern nur noch Montag, Dienstag, Mittwoch. Der Stundenplan ist der Stundenplan. Die Trainingszeiten sind die Trainingszeiten. Dass es überhaupt bemerkenswert ist, wenn ein vierzehnjähriges Kind vormittags Mathematik schreibt und nachmittags in einer Akademie trainiert, und dass beides von Menschen abgestimmt werden muss, die einander kennen und vertrauen, darüber denkt man irgendwann nicht mehr nach.
Meine Gäste haben unentwegt danach gefragt. Wer stimmt das ab? Was passiert, wenn ein Kind in eine Krise gerät? Wer redet mit wem, wenn Schule und Verein unterschiedlicher Meinung sind?
Es waren dieselben Fragen, die ich im Mai in Leipzig gestellt hatte. Nur musste ich sie diesmal beantworten. Ich habe in diesen vier Tagen mehr über meine eigene Arbeit erklärt als in den zehn Jahren davor. Und beim Erklären gemerkt, was daran gut ist. Und was nicht.
Zwei Wege, eine Stadt
Am stärksten wirkte etwas, das ich fast nicht ins Programm genommen hätte: der Besuch beim kleineren der beiden Grazer Vereine. Kein Vergleich in der Ausstattung, keine großen Mittel, aber ein eigenes, durchdachtes Konzept, mit dem sie den Größeren erfolgreich etwas entgegensetzen.
Für meine Gäste war das der eigentliche Höhepunkt. Nicht das teuerste Modell, sondern das, von dem sie sich etwas abschauen konnten. Die meisten Vereine dieser Welt sind eben nicht die Reichen und Schönen.
Der Satz, der geblieben ist
Am letzten Abend haben wir zusammengesessen und ausgewertet. Irgendwann fiel ein Satz, der seither in meinem Kopf hängt, und ich weiß nicht einmal mehr, wer ihn gesagt hat:
Schule und Verein sind keine zwei Welten. Es ist ein Kind, das durch beide geht. Überall, wo das verstanden wird, funktioniert Talentförderung. Überall, wo jeder nur seinen eigenen Teil sieht, wird es mühsam. Das gilt in Sachsen genauso wie in der Steiermark.
Was Erasmus wirklich macht
Ich dachte lange, Erasmus sei etwas für die, die wegfahren. Nach diesen zwei Besuchen sehe ich es anders. Die Reise nach Leipzig hat mir gezeigt, wie andere es machen. Der Besuch in Graz hat mir gezeigt, wie ich es mache. Das Zweite war schwerer und wichtiger.
Inzwischen ist von einem nächsten Mal die Rede. Vielleicht ist genau das der Punkt: Ein Austausch ist erst dann einer, wenn er in beide Richtungen geht.
Angefangen hat alles damit, dass jemand eine gute Frage gestellt hat. Erst ich. Dann sie.