Tagebuch von Edith Draxl

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Ausbildungsland Bulgarien
Geburtsdatum 29.06.1957
Ausbildung
Bildungspersonal
Soziale Netzwerke & Rss

Edith Draxl, am 09.11.2020 um 09:54

Künstlerische Arbeit als Bildungsarbeit

Menschen eine Stimme geben, Gespräche über deren Lebenssituation anstoßen, sie zu bestärken, das ist die Arbeit, die wir bei Vox Populi kennengelernt haben.

Als eine Partnerorganisation in Deutschland (VNB) uns einlud an dem Erasmus+ Austauschprojekt „Art of Inclusion“ teilzunehmen, haben wir ihr vorgeschlagen, auch Vox Populi als Partnereinrichtung einzubinden. Ich war schon einmal im Rahmen einer Erasmus+ Mobility in Sophia im Red House, einem Ort, der in innovativer Weise Kulturarbeit mit Bildungsarbeit verknüpft hat. Ich habe dort eine Theaterarbeit von Vox Populi gesehen und mit den Künstler*innen gesprochen. Ihre Form von der Welt zu erzählen – das Verbatim Theater – hat mich sofort beeindruckt. Sie geben damit jenen Menschen eine Stimme, die üblicherweise nicht gehört werden.

So kam es, dass uns ein Erasmus+ Projekt wieder nach Sofia führte. Ich habe mich sehr darauf gefreut, die Leute von Vox Populi wieder zu treffen und einen Workshop zu besuchen, der dazu dienen sollte, ihre Arbeitsweise genauer kennenzulernen. 


Es war der 28. November 2019. Wir begaben uns zum Red House, von dem ich meinen Kolleg*innen schon viel erzählt hatte. Bei unserer Ankunft standen wir vor fast verschlossenen Türen. Ich war mehr als irritiert, denn ich hatte das Haus als einen sehr lebendigen Ort in Erinnerung. Dort hatte es auch ein Café gegeben, in dem man sich treffen konnte, und jetzt … alles schien geschlossen zu sein, es gab keine Plakate, nichts. Wir öffneten vorsichtig die Tür, und auch im Inneren des Gebäudes schien alles in Auflösung, nur eine Portierin, die kein Englisch konnte, war da und schaute ziemlich grimmig. Nun trafen auch die anderen Partner*innen ein und wir beschlossen einmal zu warten. Endlich erschien Neda, die Leiterin von Vox Populi, etwas außer Atem. Sie klärte uns über die Situation auf: Das staatliche Museum habe sich mit einem miesen Trick des Hauses bemächtigt und nun habe sie keinen Zutritt mehr, obwohl sich alle ihre Sachen noch in einem Büro im Haus befänden und alle Räume – Workshop-Räume und Veranstaltungsräume – leer stünden. Das Ganze sei erst fünf Tage zuvor passiert und sie sei seitdem damit beschäftigt gewesen, neue Räume für unser Treffen aufzutreiben, einen Aufführungsort für das Theaterstück zu finden, das sie anlässlich unseres Besuches zeigen wollten. Daher sei sie auch verspätet zu uns gestoßen. Für mich war es unglaublich, unter welchen Bedingungen Menschen in diesem Land arbeiten müssen, und noch unglaublicher war, dass sie es trotzdem schaffen, wichtige Arbeit mit herausragenden Ergebnissen zu leisten. Ich fühlte mich ungemein privilegiert, wenn ich an meine Arbeitsbedingungen in Österreich dachte, und dass, obwohl auch hier vieles noch verbesserungswert wäre. 

Unser Weg führte uns dann weg vom Red House zu einer befreundeten Einrichtung von Vox Populi. Dort trafen wir geflüchtete Menschen aus Syrien. Im Rahmen des Workshops, geleitet von Vox Populi, lernten wir die Art und Weise kennen, auf die Vox Populi mit den Personen in Kontakt tritt. Es gab zunächst einmal einen strukturierten Fragebogen, der uns ins Gespräch miteinander brachte, dann wurden Paare gebildet und wir machten aufgrund des Gesprächs eine Collage, die zeigen sollte, was uns von der anderen Person im Gespräch erreicht hat. Ich fand es interessant, wie das Gespräch entstand und wie die wertschätzende Atmosphäre einen sehr persönlichen Austausch möglich machte, ohne dass Grenzen überschritten wurden.

Dann erzählte uns Neda Skolovska, wie sie mit dem Material weiterarbeiten, wie sie den Arbeitsprozess gestalten würden, so dass die Menschen, um deren Leben es geht, Teil des Prozesses bleiben. In der Theaterarbeit, die das Ziel ist, würden die Originaltöne der Interviewten verwendet werden, sie würden geschnitten und schließlich von Performern gesprochen, aber nicht als auswendig gelernter Text, sondern mit einem Knopf im Ohr. Visuelles Material, das in Workshops entwickelt wird, würde ebenfalls verwendet werden. Ein Teil der Theaterarbeiten findet als Site-Specific-Art, d. h. in alltäglichen Umfeldern statt. Es sollen durch diese Arbeit Gespräche über Lebenssituationen von Menschen initiiert, gesellschaftspolitische Fragen beleuchtet werden. Ich verstehe die künstlerische Arbeit von Vox Populi als Beitrag zur politischen Bildung. Storytelling vermittelt durch theatrale Vorgänge verändert Zuschauer*innen und Beteiligte. 

Am zweiten Abend unseres Aufenthaltes haben wir dann die Theaterarbeit von Vox Populi zum Thema Flucht und Aufnahme in eine neue Gesellschaft gesehen.

 Auch in diesem Fall beeindruckte beides: die inhaltlich-künstlerische und die organisatorische Leistung. Innerhalb von drei Tagen haben die Leute von Vox Populi einen alternativen Spielort aufgetrieben, haben ihn so hergerichtet, dass die Aufführung stattfinden konnte. (Er spiegelte wunderbar den Inhalt der Aufführung wider.) Sie haben ihr Publikum verständigt. Und sie haben gleichzeitig einen Workshop für uns gehalten, uns gezeigt, welche Aktivitäten es in Sofia noch gibt, um Geflüchteten die Aufnahme in die Gesellschaft zu ermöglichen, haben das Social Dinner organisiert … Es ist einfach unglaublich, wie sie das alles geschafft haben. Der Theaterabend selbst war sehr berührend und hat viele Diskussionen ausgelöst. Das Projekt „Art of Inclusion“ wurde durch den bulgarischen Beitrag sehr bereichert. Er verbindet künstlerische Arbeit und Workshop-Arbeit, ist Empowerment für benachteiligte und bildungsbenachteiligte Gruppen, setzt Gesprächsimpulse und ermöglicht neue Formen der politischen Bildung. 

Vor unserer Abreise haben wir noch ein Museum besucht: eine Wohnung, eingerichtet wie in der Zeit des Kommunismus. Es war die Wohnung der verstorbenen Großeltern einer derjenigen Personen, die dieses ungewöhnliche Museum betreiben. Man trat ein, bekam einen Kopfhörer und einen MP3-Player und erlebte dadurch Alltagsgeschichte verbunden mit den Gegenständen, der Kleidung und den Möbeln, die man in der Wohnung vorfand. Im Anschluss daran haben wir uns lange unterhalten, wie diese Geschichte in die Jetztzeit hineinwirkt, wie sie Menschen beeinflusst. Auch darüber, wie die Erfahrungen der Großeltern und Eltern unser Leben prägen. Wie schon in der Arbeit von Vox Populi geht es auch in diesem Fall wieder um die Frage, wie man Menschen und ihrem Erleben eine Stimme geben kann.

Kunst und politische Bildung zu verbinden war für mich das Thema, das sich im Laufe der Tage in Sofia herauskristallisiert hat. Für mich ist politische Bildung im Moment in allen ihren Varianten ein drängendes und absolut wichtiges Thema.

Der Besuch in Sofia hat vor Ausbruch der Coronakrise stattgefunden. Er steht dennoch damit in Verbindung: Wir waren von der Arbeit von Vox Populi so beeindruckt, dass wir beschlossen haben, sie noch genauer zu erlernen. Wir haben vereinbart, dass Neda Skolovska für einen Workshop nach Graz kommen soll. Das war aufgrund des Lockdowns nicht mehr möglich. Wir haben aber eine Möglichkeit gefunden, dennoch miteinander zu arbeiten. Der Workshop hat über Zoom stattgefunden, war außerordentlich interaktiv, wir haben viel gelernt. Nun sind wir Partner in einem Creative Europe Project, in dem es um partizipative Arbeitsstrategien in der Kunst geht. Wir bringen hier das Verbatim Theater ein und Neda ist unser Coach. Die Partnereinrichtungen in 9 Ländern lernen von unserer Lernerfahrung, die Erasmus+ ermöglicht hat: ein wunderbarer Kreislauf. 

Weitere Infos über die Arbeit die Arbeit und das Projekt finden Sie unter: https://www.facebook.com/search/top?q=art%20of%20inclusion  


Gruppenfoto vor dem Abschied: uniT, Vox Populi, VNB, Eco-Logic, L´age de la Tortue