Sind wir mal ehrlich: Wer hatte nicht schon Tage, an denen sich gefühlt alles gegen einen verschwört?
Mein Traum war von Anfang an klar: Ich wollte mein Praxissemester in der forensischen Chemie absolvieren. Nach langer Recherche fand ich zu Dr. Theresa Stotesbury‘s Website. Das Forensic Chemistry & Materials Lab an der Ontario Tech University in Kanada nimmt auch Bachelorstudent*innen an! Aber zwischen fehlenden Unterschriften, Urlaubszeiten und Ungewissheiten ging über Monate fast nichts voran. Ich hatte riesige Angst, dass alles platzt, und suchte panisch nach Notfall-Plänen, da ich wusste, in zwei Wochen werde ich nicht im Flieger sitzen. Und das, während der Klausurenphase. Aufgeben war keine Option, ich hab ja schon viel zu viel Zeit da hineininvestiert. Am Donnerstagnachmittag, an dem ich ursprünglich schon hätte da sein sollen, war ein letztes Online-Meeting geplant. Mental habe ich mich so gut es geht auf die Absage vorbereitet. Nie im Leben wird das noch was. Und dann – „Kannst du Montag anfangen?“
Dank meines Programmdirektors, Theresa und der Dame des International Office an der Ontario Tech, kamen wir doch noch zu einer Lösung. Leider blieben mir nur vier Monate vor Ort und meine übrigbleibenden Pflichtstunden muss ich im Homeoffice absitzen. Das war ein No-Brainer. Zugestimmt. Zwei Wochen später saß ich in einem überteuerten, Last-Minute- gebuchten Flug nach Kanada.
War ich nervös? Und wie – ehrlich gesagt bis zur allerletzten Sekunde! Ein anderer Kontinent und völlig neue Aufgaben in Themengebieten, von denen ich bisher noch nicht allzu viel gelernt habe. Aber die Arbeit im Labor ist einfach spannend. Ich darf an echter Forschung mitarbeiten, die bald publiziert wird, schreibe meine Bachelorarbeit über ein wirklich cooles Projekt über die Altersbestimmung von Blutflecken, lerne von Doktorand*innen und weiß jetzt: Ja, das möchte ich in der Zukunft auch machen!
So ein Sprung ins Ausland lehrt einen aber noch viel mehr als nur Wissenschaft, wie in meinem Fall. Man lernt, allein in einem fremden Land zu leben und auf eigenen Beinen zu stehen. Aber allein bleibt man hier nie lange: Meine Labormitglieder und ich quatschen im Büro, essen zusammen unser Mittag und helfen uns gegenseitig bei der Arbeit, genauso unternehmen wir auch was am Wochenende.
Mein absolutes Highlight war das Lab Retreat am Kushog Lake, mit dem ich meine Laborerfahrung starten durfte. Immer mittendrin: unser Studiengang-Maskottchen Charlie! Ob er im Liegestuhl am See entspannte und über Forschung lernte oder hochkonzentriert getrocknete Blutflecken unter dem Mikroskop analysierte – Charlie war überall dabei.
Falls du das hier liest und dich fragst, ob eine Möglichkeit im Ausland es wert ist – trau dich!! Ein neues Land oder sogar ein neuer Kontinent machen am Anfang Angst, aber man wächst unglaublich daran. Man findet neue Freunde, sammelt wunderschöne Erinnerungen und belohnt sich selbst für seinen Mut. Und keine Sorge wegen der Finanzen. Ohne die Unterstützung von Erasmus wäre diese Reise für mich nicht möglich gewesen.
Die Moral der Geschicht: Bleibt stur für eure Träume!