Ich kann mich noch ganz genau an die Frage meines Professors bei meiner Matura erinnern: „Was möchtest du nach deiner Matura machen?“ Meine Antwort war nüchtern und kurz: „Irgendwas in Italien.“ Als ich dann zum ersten Mal für ein Volontariat nach Sizilien ging, wusste ich noch nicht, dass dieser eine Monat der Beginn einer viel längeren Reise durch Italien sein würde.
Im Rahmen des Europäischen Solidaritätskorps (ESK) habe ich nach meiner Matura zweimal jeweils einen Monat lang an Freiwilligenprojekten in Sizilien teilgenommen. Zum ersten Mal für längere Zeit allein in einem anderen Land zu leben, mit Menschen aus verschiedenen europäischen Ländern zusammenzuarbeiten und gemeinsam den Alltag zu verbringen, war für mich eine ganz neue Erfahrung. Es waren nicht nur die Orte, die ich kennenlernen durfte, sondern vor allem die Menschen und ihre unterschiedlichen Geschichten, die diese Zeit besonders gemacht haben.
Nach diesen ersten Erfahrungen wusste ich, dass ich noch mehr erleben wollte. Während meines Bachelorstudiums der Publizistik an der Universität Wien führte mich mein Weg deshalb wieder nach Italien. Durch Erasmus+ durfte ich ein Auslandssemester an der Sapienza Università di Roma absolvieren.
Das Leben in Rom war noch einmal etwas ganz anderes. Ich war nicht nur für einige Wochen dort, sondern wurde für sechs Monate Teil des römischen Alltags. Ich musste mich in einer neuen Stadt zurechtfinden, mein Studium in einem anderen universitären Umfeld organisieren und gleichzeitig meinen Alltag auf Italienisch meistern. Aus einem Land, das ich durch meine ersten Freiwilligenprojekte kennengelernt hatte, wurde ein Ort, an dem ich für einige Monate wirklich lebte.
Besonders schön war dabei, dass aus vielen Begegnungen Freundschaften entstanden sind. Menschen, die ursprünglich nur für ein Semester nach Italien gekommen waren, wurden Teil meines Lebens. Genau diese Begegnungen sind es, die für mich Erasmus+ und das ESK ausmachen: Man kommt vielleicht wegen eines Studiums oder eines Projekts in ein Land, aber am Ende nimmt man viel mehr mit als nur Erfahrungen für den Lebenslauf.
Heute, genau drei Jahre nach meinem ersten ESK-Projekt, bin ich wieder in Süditalien. Seit September 2026 arbeite ich im Rahmen eines Erasmus+ Praktikums in einer NGO in Amantea (Kalabrien). Diesmal bin ich nicht als Freiwillige oder Studentin in Italien, sondern als Praktikantin. Ich arbeite im Bereich Kommunikation und Social Media und kann dabei mein Studium mit meinen persönlichen Interessen verbinden.
Wenn ich heute auf meine bisherigen Auslandserfahrungen zurückblicke, sehe ich deshalb keine einzelnen Stationen, sondern eine Art roten Faden: Sizilien, Rom und Kalabrien. Jede Erfahrung hat die nächste möglich gemacht. Nach meinem ersten ESK-Aufenthalt hatte ich den Mut, wieder ins Ausland zu gehen. Nach meinem Erasmus-Semester wollte ich weiterhin international arbeiten und leben. Obwohl meine Geschichte immer wieder nach Italien geführt hat, geht es für mich dabei um viel mehr als nur um dieses eine Land. Ich habe Europa durch Italien kennengelernt. Durch die Menschen, die ich getroffen habe, die Sprachen, die ich gesprochen habe, die Freundschaften, die entstanden sind.
Europa bedeutet für mich deshalb Begegnungen, neue Perspektiven und die Möglichkeit, über die eigenen Grenzen hinauszuwachsen. Geografisch, sprachlich, kulturell und vor allem persönlich. Erasmus+ und das Europäische Solidaritätskorps haben mir gezeigt, dass Europa nicht nur etwas ist, das auf einer Landkarte oder in politischen Institutionen existiert. Für mich ist Europa vor allem etwas, das man erleben kann.
Meine Geschichte ist noch nicht zu Ende. Ich bin gerade selbst wieder mitten in einer neuen Auslandserfahrung. Und wer weiß, vielleicht führt mich die nächste Tür, die ich öffne, schon bald in eine neue italienische Stadt. Aber ganz egal, wohin sie führt: Italien war für mich der Anfang, Europa zu entdecken.