Erasmus+. Das nicht umsonst beliebteste und populärste Förderprogramm der Europäischen Union, welches außerordentlich international und effizient fungiert. Für zahlreiche Menschen eine Gelegenheit, über ihren eigenen Schatten zu springen und neue Erfahrungen zu sammeln. Doch was steckt wirklich dahinter? Muss man seine Heimat verlassen, um ihren eigentlichen Wert schätzen zu lernen? Vor meinem eigenen Aufenthalt in Genua hätte ich diese Frage womöglich anders beantwortet als heute. Damals war der Gedanke an eine andere Kultur, einen anderen Lebensstil, das italienische Flair Grund für meine aufgeregte Zustimmung zu einem Schüleraustausch, doch heute weiß ich, dass es sich bei dieser Gelegenheit um weit mehr als eine Reise handelt. Es verändert einen selbst, den Blick auf die Welt – ja sogar auf die eigene Heimat.
Dass man sich einen längeren Auslandsaufenthalt gründlich überlegt und auch immer wieder auf seine Bedenken zurückgreift, ist wohl denkbar. Es ist wahrhaftig eine Kunst, sich fremd zu fühlen. In einer für viele Menschen anfänglich prekären Situation wie dieser, ist es oft nicht leicht, neuer Umgebung und neuen Menschen stets mit Offenheit zu begegnen. Doch genau darum sollte das Fremdsein als Chance statt als Unsicherheit genutzt werden, denn erst wenn man selbst einmal der Fremde ist, entwickelt man echte Empathie. Erfahrungen wie diese könnten beispielsweise Vorurteile aufheben und den Blick junger Leute auf Migration und Integration endlich zum Guten verändern. Braucht unsere heutige Gesellschaft nicht genau das?
Wenn man die Hürde der vermeintlichen Angst des Fremdengefühls erst einmal überwunden hat, blickt man nicht mehr zurück, dazu fehlt einem einfach die Zeit. Man bekommt einen so facettenreichen Einblick in eine neue Kultur offenbart wie sonst nirgendwo. Bei keinem anderen Event ist man so hautnahe am Erfahren einer anderen Lebensweise beteiligt. Kein Urlaub schafft es, so ein Zugehörigkeitsgefühl zu erzeugen. Dieses Gefühl der Zugehörigkeit beschränkt sich nicht auf ein einzelnes Land, nein, wer für einen längeren Zeitraum Teil einer anderen Gesellschaft ist bemerkt erst, dass Verbundenheit und Offenheit auf gegenseitigem Respekt basieren. Verbundenheit und Offenheit. Zwei einfache Wörter, die gerade heutzutage in einer Zeit von gesellschaftlichen Debatten und Abgrenzungen leider vergessen werden. Deshalb wäre es umso wichtiger, auch in Hinblick auf Österreichs Zukunft, weiterhin Auslandsaktionen zu fördern, oder wenigstens Werte zu vermitteln. Um beispielsweise auf meine eigene Erfahrung in Genua zurückzugreifen, kann ich mit hundertprozentiger Sicherheit garantieren, dass Erasmus+ nicht bloß Wissen vermittelt, sondern wirklich die Art verändert, wie wir Menschen uns begegnen. Aus einem anfangs persönlichen Erlebnis wächst somit gesellschaftliche Verantwortung, die auch weit über den Zeitraum eines Schüleraustausches bewährt bleibt und dadurch auch tatsächlich einen gehörigen Benefit für Österreich mit sich bringt.
Um nochmal auf die Frage ganz am Anfang zurückzuführen: Muss man seine Heimat wirklich verlassen, um ihren eigentlichen Wert schätzen zu lernen? Was bedeutet das, in Hinsicht auf einen einfachen Schüleraustausch? Dass Erfahrungen wie diese einen unheimlichen Wert für das eigene Weltbild darstellen und Türen zu fernen Orten öffnen, steht schon lange nicht mehr zur Debatte. Doch niemand spricht darüber, wie es mit dem Effekt auf die Sicht der eigenen Heimat aussieht. Damit sind keineswegs die trivialen Aspekte wie das Vermissen der eigenen Kultur und des eigenen Bettes gemeint, die man trotzdem nicht unschön reden sollte. Es sind Emotionen, die einfach dazu gehören. Die eigene Sicht wird trotzdem noch weitgreifender, noch reflektierter, noch akkurater geprägt. Als ich in Genua ankam, fiel mir auf den ersten Blick sofort auf, wie unterschiedlich und doch vertraut alles wirkte. Die engen Gassen der Altstadt, das geschäftige Leben und vor allem die Offenheit der Menschen stellten zwar einen großen Unterschied zu meiner Heimatstadt in Kärnten dar, in der es weitaus ruhiger zugeht als in der italienischen Metropole, doch trotzdem wurde mir bewusst, dass sich Jugendliche auf der ganzen Welt ähnliche Fragen stellen und ähnliche Gedanken teilen. Vielleicht sind nationale Grenzen doch nicht entscheidend. Vielleicht verbindet uns mehr als es scheint. Das alles sind Gedanken, die schnell an einen Schüleraustausch denken lassen. Was mich jedoch tatsächlich überrascht hat, war mehr als jene offenkundigen Erkenntnisse. Es war ein Gefühl, nach dem Heimkehren nach Österreich, zur eigenen Familie, eine stille Autognosie darüber, wie privilegiert wir in Österreich in vielerlei Hinsicht sind, wie gut es einem geht und wie sehr man geliebt wird. Ein Gedanke, den man sich intensiv verinnerlichen sollte. Gleichzeitig erkannte ich aber, dass andere Länder auch Lösungen gefunden haben, was abermals untermauert, wie wichtig es ist, auch andere Meinungen zu akzeptieren. Dadurch kann ich für meinen Teil die vorherige Frage mit gutem Gewissen mit „Ja.“ beantworten, denn erst durch ein Verlassen der Heimat beginnt man so richtig, die eigenen Wurzeln bewusster wahrzunehmen und dankbar dafür zu sein, wo man aufwächst.
Auch ein Auslandsaufenthalt geht einmal zu Ende. Oft ist der eigene Koffer kaum schwerer als bei der Anreise. Erinnerungen lassen sich nicht falten und in ein Seitenfach im Koffer stecken. Sie sind unsichtbar, doch wertvoller als jedes Souvenir. Aus genau diesem Grund ist ein Jahr, ein Monat oder auch nur eine Woche im Ausland eine essenzielle Erfahrung, die zum Erwachsenwerden dazugehört. Es geht dabei nicht nur um den möglichen Beigeschmack, dass erfahrene, selbstständige und offene Menschen das eigene Heimatland bereichern, sondern in erster Linie um sich selbst. Wer würde freiwillig auf zahlreiche Freundschaften, das Erlernen einer neuen Sprache und die damit Verbundene Öffnung zur Welt hin verzichten wollen? Vielleicht misst sich der Erfolg eines Auslandsaufenthalts deshalb nicht an der Anzahl besuchter Sehenswürdigkeiten oder der Menge an Fotos und geposteten Instagram -Storys, sondern an all den Gedanken, die man mit nachhause nimmt, von denen man zulässt, dass sie einen verändern.
Aus all diesen Vorteilen kann man schließen, dass ein Auslandsaufenthalt keineswegs eine Flucht vor der eigenen Heimat oder ein wilder, vergänglicher Geistesblitz eines Jugendlichen ist. Wer den Mut hat, hinauszugehen, kommt mit einer veränderten Sicht zurück. Vielleicht besteht das größte Potential Österreichs nicht darin, junge Menschen festzuhalten, sondern ihnen Mut zu geben die Welt zu entdecken und es ihnen offen zu lassen, mit eigenen Erfahrungen wiederzukommen. Es gibt so viele Erlebnisse, die auf einen warten und trotzdem auch heute noch so vielen Menschen vorenthalten werden. Aus diesem Grund wäre es wichtig, für noch mehr Barrierefreiheit und Angebote in Sachen Schüleraustausch zu sorgen. Das Wertvollste, was die Menschen haben, ist einander, deshalb ist es jetzt an der Zeit, alle persönlichen Bürden zu überwinden und in eine neue Kultur einzutauchen. Fernweh ist ein unbeschreibliches Gefühl.