Wenn ich an mein Erasmus+-Projekt „Softwaretraining und digitale Übertragungsbretter“ zurückdenke, denke ich nicht nur an ChessBase, digitale Schachbretter und neue Trainingsmethoden. Ich denke vor allem an Menschen, die mich beeindruckt haben, an Begegnungen, die mir neue Perspektiven eröffnet haben, und an Erlebnisse, über die wir heute noch schmunzeln können. Genau das macht für mich Erasmus+ aus: Man reist mit einem bestimmten Ziel ins Ausland und kommt mit viel mehr zurück, als man ursprünglich erwartet hat.
Unser Projekt führte uns nach Hamburg und in die Niederlande. Wir wollten unsere Kenntnisse im Umgang mit der Schachsoftware ChessBase verbessern und lernen, wie wir mit digitalen DGT-Schachbrettern Partien und Turniere live übertragen können. Unser Ziel war es, diese Möglichkeiten in unsere Vereinsarbeit zu integrieren und besonders Kindern und Jugendlichen, Menschen mit Behinderung und sozial benachteiligten Personen neue Zugänge zum Schach zu eröffnen.
Eine Begegnung ist mir dabei ganz besonders in Erinnerung geblieben: unser Besuch im Max Euwe Centrum mitten im Herzen von Amsterdam.
Dort trafen wir auf engagierte Menschen, die sich mit großer Leidenschaft dafür einsetzen, die Erinnerung an Max Euwe, den ehemaligen Schachweltmeister aus den Niederlanden, lebendig zu halten. Was mich besonders beeindruckt hat, war nicht nur die Beschäftigung mit der Schachgeschichte, sondern vor allem die Haltung der Menschen, die hinter dieser Arbeit stehen. Obwohl öffentliche Subventionen zunehmend gekürzt werden und die finanziellen Rahmenbedingungen schwieriger werden, geben sie nicht auf. Sie halten diesen besonderen Ort am Leben, weil sie von seiner Bedeutung überzeugt sind.
Das Max Euwe Centrum ist für mich weit mehr als eine Erinnerungsstätte für einen Schachweltmeister. Es ist ein Ort, an dem Menschen zusammenkommen, Meinungen austauschen, Informationen weitergeben und neue Ideen entwickeln. Hier wird deutlich, dass Schach Menschen verbinden kann – unabhängig von Herkunft, Alter oder sozialem Hintergrund.
Besonders beeindruckt hat mich das Engagement für Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien. Diesen jungen Menschen Möglichkeiten zu eröffnen, sie für Schach zu begeistern und ihnen einen Ort für Begegnung und persönliche Entwicklung zu bieten, ist eine Aufgabe, die weit über das eigentliche Schachspiel hinausgeht. Genau darin sehe ich auch für unsere eigene Vereinsarbeit eine wichtige Botschaft: Ein Schachverein sollte nicht nur ein Ort sein, an dem man Partien spielt und Turniere gewinnt. Er sollte ein Ort sein, an dem Menschen willkommen sind, Gemeinschaft erleben und Chancen bekommen, die ihnen sonst vielleicht fehlen würden.
Ich habe Amsterdam mit dem Gedanken verlassen, dass wir uns von solchen Initiativen viel abschauen können. Gerade im ehrenamtlichen Bereich braucht es Menschen, die nicht zuerst fragen, was schwierig ist, sondern überlegen, was trotzdem möglich ist. Das Engagement im Max Euwe Centrum war für mich ein echtes Vorbild.
Natürlich bestand unsere Reise nicht nur aus inspirierenden Begegnungen und fachlichen Erfolgen. Auch die Rückreise werde ich nicht so schnell vergessen!
Wir hatten unsere Heimfahrt eigentlich gut geplant. Von Amsterdam aus sollte es mit der Bahn über Deutschland zurück nach Hause gehen. Was konnte da schon schiefgehen? Offenbar eine ganze Menge!
Unser Zug sollte uns über Frankfurt und München weiter nach Österreich bringen. Doch plötzlich war in Frankfurt Schluss. Obwohl der Zug ursprünglich bis München fahren sollte, mussten wir unerwartet aussteigen. Unsere sorgfältige Reiseplanung war damit praktisch wertlos.
Wir versuchten, irgendwie weiterzukommen, und schafften es tatsächlich noch bis München. Dort hofften wir, nun endlich auf der Zielgeraden zu sein. Aber auch dieser Plan ging nicht auf: Ein passender Anschlusszug nach Linz war nicht mehr zu bekommen.
Und so standen wir schließlich um Mitternacht in Passau. Müde, mit Gepäck und mit der Frage, wie wir jetzt eigentlich nach Hause kommen sollten. Ich glaube, in diesem Moment hätten wir gerne auf eine weitere internationale Erfahrung verzichtet! Nach all den neuen Eindrücken, Schulungen und Begegnungen wollten wir eigentlich nur noch eines: ins eigene Bett.
Zum Glück hatten wir einen Freund, den wir um Hilfe bitten konnten. Er erklärte sich tatsächlich bereit, uns mitten in der Nacht in Passau abzuholen. Das war für uns eine enorme Erleichterung und alles andere als selbstverständlich. Während wir auf ihn warteten, wurde uns bewusst, wie gut es ist, Menschen zu haben, auf die man sich verlassen kann. Ohne seine Hilfe wäre unsere Heimreise wohl noch deutlich länger und komplizierter geworden.
Heute kann ich über diese Geschichte lachen. Sie ist für mich fast genauso typisch für die Reise wie die fachlichen Schulungen: Man kann noch so gut planen, manchmal kommt alles anders. Dann braucht man Geduld, muss improvisieren und ist auf die Unterstützung anderer angewiesen. Auch das ist eine Erfahrung, die man aus dem internationalen Austausch mitnimmt.
Fachlich konnten wir viel lernen. Durch die Schulungen bei ChessBase und DGT erweiterten wir unsere Kenntnisse in der digitalen Schachausbildung und bei der Übertragung von Partien. Besonders erfreulich ist, dass wir das Gelernte bereits praktisch anwenden konnten. Bei unserem großen Turnier „Grand Prix PlusCity“ kamen die elektronischen Übertragungsbretter zum Einsatz. Damit wurde aus einer Weiterbildung im Ausland ein konkreter Nutzen für unsere Arbeit zu Hause.
Die neuen Kenntnisse fließen außerdem in unsere Schulungen und Trainingsprogramme ein. Wir möchten unser Wissen nicht für uns behalten, sondern an andere Trainer, Funktionäre und Vereine weitergeben. Denn gerade für ehrenamtlich geführte Organisationen bietet Erasmus+ eine große Chance, neue Ideen kennenzulernen und sich weiterzuentwickeln.
Was mich persönlich am meisten geprägt hat, ist die Erkenntnis, dass es bei Erasmus+ nicht allein um Weiterbildung geht. Es geht um Menschen, um gegenseitige Unterstützung und darum, voneinander zu lernen. Das Max Euwe Centrum hat mir gezeigt, wie viel man mit Engagement und Überzeugung bewirken kann, selbst wenn die finanziellen Mittel knapper werden. Und unsere Rückreise hat mich daran erinnert, dass man auch in schwierigen Situationen nicht allein ist, wenn man Menschen hat, auf die man zählen kann.
Was möchte ich anderen mitgeben? Wartet nicht darauf, dass alle Voraussetzungen perfekt sind. Gerade als ehrenamtlich Engagierte können wir von internationalen Begegnungen enorm profitieren. Manchmal findet man neue Ideen für die eigene Arbeit, manchmal gewinnt man Freunde und manchmal landet man um Mitternacht in Passau. Aber immer nimmt man Erfahrungen mit, die einen persönlich und fachlich bereichern.
Bei den Begegnungen mit den Menschen vom Hamburger Schachverband, dem Hamburger Schachklub und dem niederländischen Schachverband konnten wir sehen, wie andere Organisationen arbeiten, welche Herausforderungen sie bewältigen und welche Ideen sie entwickelt haben. Dabei wurde mir wieder bewusst, dass wir im Sport zwar unterschiedliche Voraussetzungen und Strukturen haben, aber oft dieselben Ziele verfolgen: Menschen für den Sport begeistern, Nachwuchs fördern und Gemeinschaft schaffen.
Ich bin dankbar, dass Erasmus+ uns diese Möglichkeiten eröffnet hat. Und ich wünsche mir, dass noch viele andere Vereine den Mut finden, diese Chance zu nutzen. Denn am Ende sind es nicht die besuchten Orte oder die absolvierten Schulungen allein, die eine Reise wertvoll machen. Es sind die Menschen, die man trifft, die Ideen, die man mit nach Hause nimmt, und die Dinge, die man anschließend gemeinsam auf den Weg bringt.