Story von Hannah Kirchgasser

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Zielland Schweden
Geburtsdatum 19.06.2002
Kategorie
Hochschulbildung
Soziale Netzwerke

Hannah Kirchgasser, am 19.09.2023 um 15:14

Ein Semester zwischen Euphorie und Selbstzweifel

Darf ich mich vorstellen: Mein Name ist Hannah und ich studiere Journalismus in Wien. Das Winter-Semester 2023 durfte ich im wunderbaren Jönköping verbringen.

Mein Auslandssemester in Schweden? Ich möchte dir gerne von all meinen Eindrücken und Erlebnissen erzählen, doch erstmal bin ich rat- und sprachlos. Wo beginne und ende ich meine Erzählung? Wie kann ich ein Semester – so dicht an Eindrücken – in wenigen Absätzen beschreiben?

Als ich noch in Schweden war und von Familie und Freunden zu Hause gefragt wurde, wie es mir gehe, habe ich oft ausweichend geantwortet. Ja, es sei schön in Schweden. Ja, es gehe mir gut. Selten habe ich es geschafft, die passenden Ausdrücke für meine Gefühle und Erfahrungen zu finden.

Jetzt – zurück in der Heimat – sitze ich in meinem Garten und nehme – umgeben von sattem Grün und bunten Schmetterlingen – einen zweiten Anlauf. Begleite mich auf dem Versuch, in Worte zu fassen, was Schweden für mich war.

So viel sei verraten: Schweden war viel für mich

Da gibt es einmal die oberflächliche Ebene. Damit meine ich die tollen Fotos vom Vättern-See, der so groß ist, dass er sich wie ein Meer anfühlt (inklusive Strand-Feeling im Sommer). Oder die selbstgebackenen und herrlich duftenden Zimtschnecken, bei denen mir bereits der Gedanke daran das Wasser im Mund zusammenlaufen lässt. Damit meine ich auch die weiße Schneepracht im Winter, das Schlittschuhlaufen mit Freunden, die herrlichen Sonnenaufgänge und die strahlenden Polarlichter. Oder das traditionelle Midsommar-Fest mit Blumenkränzen und Fleischbällchen.

Zimtschnecken, Midsommar und Polarlichter. Das sind die Dinge, die man erzählt. Das sind die Dinge, die man auf Instagram postet. Das sind die Dinge, welche hervorragend ins Schweden-Klischee passen.

Also alles toll und wunderbar? 

Wohl kaum. Neben diesen Oberflächlichkeiten gibt es noch die weniger schönen Seiten, über die man nicht so gerne spricht. In meinem Fall waren es Selbstzweifel und Ängste. Die Tatsache, dass es in Schweden akademisch recht entspannt zuging, schuf in mir eine gewisse Leere. Ich war es nicht gewohnt, so viel Zeit für mich zu haben und quälte mich mit Schuldgefühlen. Plötzlich war ich mir selbst ausgesetzt – und all meinen irrationalen Anforderungen an mich.

Ich musste erst lernen, Selbstbewusstsein aufzubauen. Selbstbewusstsein, das nicht von guten Noten und sonstigen Leistungen abhängt. Ich musste lernen, zuzulassen und der inneren Stimme zu vertrauen.

Auch wenn ich zuvor schon öfter im Ausland war (etwa für ein Austauschjahr in den USA), war es dieses Mal eine besondere Herausforderung, von meinem Zuhause – und all der Wertschätzung und Liebe, die ich dort erfahre – getrennt zu sein. Es gab plötzlich keinen, der meine Spirale an negativen Gedanken stoppen konnte. Das schuf in mir ein Gefühl der Machtlosigkeit und Angst, mit dem ich erst umzugehen lernen musste.

Rückblickend kann ich nur den Tipp geben, psychische Probleme anzusprechen. Sei es mit Freunden vor Ort oder mit der Familie übers Telefon. Außerdem gibt es vor allem in den skandinavischen Ländern hervorragende Möglichkeiten, sich niederschwellig professionelle Hilfe zu holen.

Ein vielschichtiger Rucksack an Erfahrungen

Am Ende ist Schweden für mich „weder noch“: Weder sind es NUR die aufgehübschten Insta-Posts, noch sind es NUR die Ängste und Selbstzweifel, die in Erinnerung bleiben. Es ist ein vielschichtiger Rucksack an Erfahrungen, mit dem ich in die Heimat zurückgekehrt bin.

Was mich erstaunt hat: Oft sind es die vermeintlich „kleinen“ Momente, die als ganz besonders in Erinnerung bleiben. Etwa das gemeinsame Kochen mit meinen WG-Mitbewohnerinnen jeden Sonntagabend. Oder mit einer Tasse Kaffee am Balkon die ersten morgendlichen Sonnenstrahlen zu genießen, vor der Uni mit einer Freundin spontan zum See zu radeln und im eiskalten Wasser schwimmen zu gehen, die gemütlichen Picknicks inklusive Sonnenuntergang am Strand. Oder, oder, oder. Die Liste ließe sich lange fortsetzen. Mit einfachen, oft banalen aber deshalb nicht weniger erinnerungswürdigen Augenblicken.

Magische Momente: Sonnenaufgang am Vättern-See