Tagebuch von Kim-Roberta Baumann

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Ausbildungsland Finnland
Geburtsdatum 14.04.1995
Ausbildung
Studierende/r
Soziale Netzwerke & Rss

Kim-Roberta Baumann, am 06.10.2020 um 16:54

Na schon eingewöhnt?

5 Monate war ich im Norden Finnlands. In Joensuu. Ich dachte ich werde hier auf einen ruhigen Alltag haben. Tja, da bin ich wohl ziemlich falsch gelegen.

Anfang Jänner (am 3.1.2020) bin ich mit meinen zwei riesigen Koffern und etwas Übergepäck, für die ich gnädiger Weise nichts aufzahlen musste meine Reise angetreten. Ich muss zugeben, ich habe mich hierfür viel weniger vorbereitet, als für meine anderen Reisen und das obwohl ich gleich für fast ein halbes Jahr wegbleibe. Aber mit dem ganzen Uni stress und allem drum herum war das auch nicht wirklich möglich. Der Erasmus Antrag meiner Universität (Die BOKU and der ich im Master Wildtierökologie und Wildtiermanagement studiere) war schnell gestellt und nach einer etwas verwirrenden Recherche, welche Kurse ich in an der University of Eastern Finland belegen will, fehlten nur noch die Unterschriften meines Koordinators und der Studienservices. Achja und da ich nicht in Englisch maturiert habe, musste ich vorab noch einen eigenen Sprachkurs absolvieren um vorzeigen zu können, dass ich auch wirklich das B2 Niveau erreiche. 

Mit Finnair ging es also über Helsinki weiter nach Joensuu, wo mich mein Tutor, den ich hier zum ersten und bisher auch letzten Mal gesehen habe, mit seinem Auto abholte und mich mitsamt meinem finnischen Survival Package (Das beinhaltet neben der Grundausstattung an Geschirr auch ein Handtuch und Bettwäsche und wurde vorab schon bei den Studienservices der Gastuni für mich reserviert) zu meiner Wohnung kutschierte. 

 

Diese teilte ich mir den ganzen Aufenthalt über mit drei supernetten Mädels. Platz wäre eigentlich für insgesamt 5 Bewohner (Die WGs sind übrigens nach Geschlecht getrennt). Zum Glück hatten die Vormieter hier einiges dagelassen, so hatten wir nicht nur einen zweiten kleinen Kühlschrank und massig Geschirr, sondern auch eine Mikrowelle und einen Toaster. Welch Luxus! 

 

So winterlich wie ich es mir in Finnland vorgestellt habe war es nicht gerade. Wir hatten plus 6 Grad bei meiner Ankunft und nagut, es war weiß. Aber auch wirklich ziemlich glatt und es regnete so vor sich hin. 

Da ich das Wochenende noch hatte, bevor die Orientierungstage der Uni losgehen entschied ich mich am einzigen wirklich sonnigen Tag davon bei minus 9 Grad einen kleinen Spaziergang durch den Wald hinter unseren Wohnhaus (der hier zum Großteil, wie überall sonst in Finnland auch, natürlich aus Birken und nicht Kiefern besteht) zu machen.  

Um diese Jahreszeit gibt es nicht gerade viel Sonnenlicht. Etwa zwei Stunden kann man die Sonne auf und danach zwei Stunden lang wieder untergehen sehen. Das ist vielleicht nichts für jedermann, allerdings war ich persönlich durch dieses ständig golden und rote Licht in einer wirklich guten Stimmung. 

Bereits am ersten Tag an der Uni lernte man so viele neue Leute kennen. Sprache verbindet. So ist es wohl nicht sonderlich überraschend, dass die ersten mit denen ich in Kontakt trat aus Deutschland waren, doch recht schnell kam man auch mit Personen aus anderen Ländern wie Brasilien, Spanien, Frankreich, Tschechien und natürlich Finnland, ins Gespräch. Und spätestens nach der Ersten Party (und davon gibt es hier viel zu viele!) kannte man sich wesentlich besser und mittlerweile ist man auch schon eine kleine Familie und macht neben gemütlichen Spieleabenden auch mal ein gemeinsames Abendessen, einen Spaziergang um den Sonnenuntergang zu sehen, Eislaufen auf dem zugefrorenen See, oder besucht zusammen ein Basketballmtach. Der Kataja Basket Club spielt immerhin in der 1. Liga. 

  

Die ersten Tage musste man wirklich viel Organisatorisches erledigen und von einem Termin zum anderen rennen, aber ist das erst mal erledigt, kann man als Student wirklich extrem viele Vorzüge genießen. Angefangen vom super günstigen und guten Essen in der Cafeteria bis hin zu dem riesigen Sportangebot (Normale Gym-benützung, eine Vielfalt an Kursen, wie Pilates, Tabata und Co, Platzmiete für Ballsportarten,..) und dem gratis Verleih von Langlaufskiern, Eislaufschuhen und anderen Sportsequipment ist wirklich alles dabei. Und auch Zeit für einen Spaziergang zum nahegelegenen See blieb. 

   

Meiner Meinung nach ist der Campus, welcher mit den verschiedenen roten Häusern, die alle Namen wie Aurora, Carelia, Borealis, Natura, Futura usw. tragen, sehr groß. Das bin ich von meiner Universität in Wien einfach nicht gewohnt, wo es an einem Standort nicht mehr als vier Gebäude gibt. Auch die Universität of Eastern Finland hat einen zweiten Standort in Kuopio, aber der liegt etwa 150km von Joensuu entfernt. 

Wer mag kann sich ganz einfach ein Auto mieten und Finnland erkunden. Etwa eine Stunde fahrt von Joensuu entfernt befindet sich der Nationalpark Koli. Dahin unternahmen wir auch unsere erste kleine Reise. Mit "uns" meine ich mich und 14 andere Austausch-Studenten. Drei Autos wurden gemietet und dann ging die rasante Fahrt auch schon los mit massenhaft Essen und Getränken an Bord. Mit 5 verschiedenen Nationalitäten (Italien, Deutschland, Österreich, Spanien und Belgien) waren wir wohl die gemischteste Gruppe und die kleine Italienerin am Steuer hatte den Spaß ihres Lebens auf der verschneiten Waldstraße. Wir waren nur froh in einem Stück angekommen zu sein. 

Übernachtet haben wir in zwei Cottages am See. Jedes Cottage verfügte über eine Sauna (natürlich wir sind ja immerhin Finnland) einem Wohnzimmer mit einer riesigen Glasfront und hohen Decken. Drei Zimmer und einer Galerie, auf der sich weitere Schlafplätze befanden. Ein Bad, eine Küche und ein offener Kamin waren auch vorhanden. Der Hinweis, dass man den Abzug des Kamins erst öffnen und den Thermostat nicht verdrehen soll, da es sonst zu einem Kurzschluss kommen kann, stand auf Russisch dort. Gar nicht so leicht die russischen Buchstaben in den Übersetzer einzutippen. Zum Glück hatten wir jemanden dabei der ein wenig russisch lesen kann.  

Am nächsten Morgen fuhren wir dann in den Nationalpark hinein. Mit dem Lift ging es erst zur Information und dort trennte sich dann unsere Gruppe. Der Großteil (mich eingeschlossen) entschied sich für eine Wanderung durchs Winterwonderland, während ein paar andere lieber die Skipisten erkundeten. Das Wetter war verschneit, dennoch war es einfach super. Ein falscher Schritt und man steckte bis zur Hüfte im Schnee fest. Kleiner Tipp: Im Informationscenter kann man sich sogar Winterboots ausborgen. Natürlich mussten wir auf die Höchste Anhöhe Kolis um auf den vereisten See hinunterzuschauen, auf dem sich ein Eis-Kiter mit seinem Schirm befand. Bei Schönwetter sieht man hier angeblich bis nach Russland. Bei einer Feuerstelle machten wir dann halt und grillten Würstchen (offene Feuerstellen zur freien Verfügung findet man in Finnland übrigens auch an gefühlt jeder Ecke). Nach einer anschließenden Schneeballschlacht traten wir den Rückweg an, welcher aufgrund fiebernden Personen auf einer weitaus weniger steilen und anstrengenden Route erfolgte, die aber nicht minder schön war.     

Koli ist auf alle Fälle einen Besuch wert, wenn man sich im Osten Finnlands befindet. Ich bin mir sicher nicht nur um Winter, sondern auch zu jeder anderen Jahreszeit kann man hier die unterschiedlichsten Routen wandern und super Ausblicke erhaschen. 

Das Erasmus Student Network in Finnland organisiert regelmäßig größere Auslfüge, wie zum Beispiel nach Lappland, Lofoten, St. Petersburg oder Stockholm. Mein Plan war er nach Lappland zu fahren und nach Stockholm. Ich hatte glück, denn nach der Lappland reise kam Corona und alle anderen Ausflüge wurden dementsprechend abgesagt. Allerdings empfehle ich wirklich jedem einmal in seinem Leben nach Lappland zu reisen. 

Wir fuhren über Nacht mit einem großen Bus voller Austauschstudenten nach Saariselkä, wo wir in keinen super süßen Holzcottages hausten (natürlich mit einer Sauna ausgestattet).  

 

Es gibt die Möglichkeit neben der Reise auch andere Aktivitäten mitzubuchen. Ich entschied mich für eine Aurora Hunt by Bus, einem Schlittenhundefahren und einem Tagesausflug weiter in den Norden nach Bugoynes in Norwegen, an dem es nicht nur leckere Fischsuppe gab, sondern auch eine Sauna direkt am Strand, wo man sich danach im arktischen Meer perfekt abkühlen konnte. 

    

Bereits am ersten Abend begrüßten uns die Nordlichter über unseren Hütten, doch die beste Show hatten wir, als wir mit dem Bus an einen See gefahren sind, welcher weit weg von jeglicher Zivilisation ist.    

Inkludiert in der Reise war übrigens auch ein Zwischenstopp am arctic circle, wo sich das Zuhause des Weihnachtsmannes befindet. Im Gegensatz zu den meisten anderen Aktivitäten, ist diese bei weitem die meist touristischste und hat meinen persönlichen Geschmack leider nicht getroffen. 

 

Als Corona kam, wurden die Universitäten geschlossen und alle Kurse auf online Unterricht umgestellt. Das funktionierte wirklich absolut einwandfrei. Die Prüfungsmodalitäten wurden fair und verständlich geändert und es gab keine Probleme die Kurse abzuschließen. Ich entschied mich, aufgrund eines für mich immer noch sehr wichtigen Menschen bis zum Ende des Semesters in Finnland zu bleiben, wenngleich die meisten Studenten aus Langeweile (es gab dann ja auch leider keine Möglichkeit mehr für Sportkurse oder kulturelle Veranstaltungen) dazu entschieden, früher abzureisen und ihre Kurse zu Hause zu beenden.  

 

Als ich ankam, hörte ich von vielen, dass Joensuu eine Sommerstadt sei, und dass wir verrückt wären hier im Winter herzukommen. Ich kann sagen, dass es im Frühling wirklich sehr schön ist und es noch mehr Möglichkeiten gibt sein Freizeit an der frischen Luft zu verbringen, wie etwa Frisbeegolf oder gemütliches Wandern. Allerdings könnte ich mich nicht entscheiden, ob ich Finnland im Winter oder Frühling mehr mag. Vermutlich würde ich zu Winter tendieren. 

Als ich nach Finnland kam, hatte ich keine besonders hohen Erwartungen. Ich wollte mir selbst etwas Beweisen und sehen, wie ich in einer mir komplett fremden Umgebung klarkomme. Mein Fazit: Ich bin irrsinnig Stolz auf mich. Ich habe nicht nur die Umstellung auf ein komplett anderes Universitätssystem gut gemeistert, sondern auch so viele neue Freunde gewonnen und neue Erfahrungen gesammelt. Wer kann schon von sich behaupten eine Schneeschuh-Nachtwanderung im finnischen Wald gemacht zu haben, oder einen Husky-Schlitten selbst gefahren zu sein? Immer wieder kamen fragen wie: "Na hast du dich schon eingewöhnt?" und egal wann ich sie gestellt bekam, ob nach einer Woche, zwei Monaten, oder aber am Ende meiner Reise. Meine Antwort blieb immer die gleiche: "Natürlich! Ich habe mich vom ersten Moment an wie zu Hause gefühlt"

 

Ein teil von mir ärgert sich heute, dass ich nicht schon früher ein Auslandssemester gemacht habe, denn das war meine letzte Chance, da ich meinen Master bald abschließe und ich hätte auf jeden Fall Lust, das noch einmal zu tun. Ich kann nur an jeden appellieren, der mit dem Gedanken spielt einen Erasmus Aufenthalt zu vollziehen: JA tut es! Diese Erfahrungen und auch Erkenntnisse über euch selbst kann euch niemand mehr nehmen.