Als alter Klassiker steht man gerne im Regal einer österreichischen Bibliothek und genießt es von Zeit zu Zeit in die Hand genommen zu werden, vorsichtig den Buchrücken gestreichelt zu bekommen und dann wieder ehrfürchtig an seinen Platz gestellt zu werden. Wir Klassiker bleiben freiwillig gerne unter uns, denn schließlich haben wir den entscheidenden Vorteil gegenüber Neuerscheinungen: Wir haben die Zeit bereits überlebt. Umso überraschender war es dann auch, als sich mir meine leitende Bibliothekarin schon fast im Marathontempo näherte und mich ohne Rücksicht auf meinen literarischen Rang, mit den Worten „den wuit ich eh scho imma amoi lesn”, in ihre Handtasche stopfte. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich noch nicht ahnen, dass dies eine Reise in den hohen Norden – nach Norwegen – werden würde.
Bereits bei der ersten Etappe am Flughafen zeigte meine Leserin nämlich bizarre Allüren. Einige Reisende studierten Reiseführer und andere zogen sich noch schnell einen Pullover an, um das Handgepäck zu erleichtern. Meine Leserin aber starrte nur auf die Flugzeuge, nickte und murmelte etwas über „soziale Kohäsion” und „kulturelle Diversität“. Ich wollte zu diesem Zeitpunkt nicht wirklich nachfragen…
Als wir dann unseren ersten Tag in Tromsø begannen, hoffte ich auf ein bisschen Ruhe zu zweit – meine Leserin einfach in meine Welt zu entführen und meine brillanten Worte entfalten zu lassen. Schließlich war sie ja wegen mir nach Norwegen gekommen. Und dann schleppte sie mich doch tatsächlich in eine Bibliothek in Tromsø. So ganz schlau wurde ich daraus wirklich nicht, warum sie andere Bücher brauchte, wenn sie ja mich hatte. Offenbar hatte ich die Situation komplett falsch eingeschätzt. Und dann wurde es schon fast surreal: Sie begann bereits nach drei Minuten Fragen wie ein Maschinengewehr abzufeuern. Und ich? Ich wurde immer tiefer unter norwegischen Rentierwürsteln und Informationsbroschüren vergraben. Das Einzige, was ich noch dumpf hören konnte, waren leidenschaftliche Konversationen über Bibliotheken.
Generell lieben es Reisende die wunderschöne norwegische Landschaft mit all ihren Fjorden zu fotografieren, aber meine Leserin machte unentwegt Fotos von Regalsystemen und Ordnungsnummern. Und zu meinem Schreck auch von anderen Büchern. Die Norweger, die sie umgaben, fanden dies dann auch noch völlig normal. Ich dachte ja eigentlich immer, dass Bibliotheken uns Bücher miteinander verbinden, doch offenbar verbinden sie doch eher Menschen darin.
Als ich dann das erste Mal aufatmen konnte und frische norwegische Luft schnupperte, verstand ich die Welt nicht mehr. Ich wurde heftig von meiner Leserin geschüttelt und mit den Worten „niemand liest halt mehr die Klassiker“ deutete sie auf mich. Ich dachte mir nur: „Du, meine Liebe, liest aber auch offensichtlich keine Klassiker! Sonst verliefe unsere Reise wesentlich anders!“. Und so musste ich als Untersetzer für norwegischen Kaffee im Besprechungsraum dienen, während meine Leserin einen Vortrag über die österreichische Bibliothekslandschaft hielt.
Obwohl ich komplett ennuyiert von dieser anschließenden Diskussion über unterschiedliche gesetzliche Bibliotheksgrundlagen in Europa war, bemerkte ich bei meiner Leserin dann doch eine außergewöhnliche Fähigkeit. Sie besitzt die – nennen wir es einfach – verblüffende Fähigkeit, selbst aus den harmlosesten Beobachtungen eine Grundsatzdiskussion loszutreten. Zu diesem Zeitpunkt unserer gemeinsamen Reise fand ich dies schon gar nicht mehr irritierend, sondern nahm es einfach resignierend hin und fragte mich, was denn noch alles kommen würde.
Mittlerweile hatte ich mich damit abgefunden, dass meine Leserin jede noch so insignifikante Abteilung der Bibliothek erkunden und mit jedem Menschen mindestens ein Gespräch führen musste. Zu meiner anhaltenden Überraschung hörten ihr die Menschen sogar freiwillig zu.
Eines Abends wurde ich erneut in einen Rucksack verfrachtet und in die norwegische Wildnis transportiert. Erleichterung breitete sich aus, da diesmal keine Bibliothek in der Nähe zu sein schien. Zuerst fütterte eine große Gruppe von Touristen Rentiere und dann wurden wir vor einem traditionellen Sami-Zelt von zwei freundlichen Wildnisführern begrüßt.
„Sind Sie die mit der Übernachtung?“, fragten die beiden.
Meine Leserin nickte begeistert.
„Das Zelt ist vorbereitet. Es wird ein tolles Abenteuer.“
„Oh, wunderbar“, sagte meine Leserin. „Und wo schlafen alle anderen?“
„Ach, alle anderen fahren wieder zurück nach Tromsø und wir schlafen etwa eine Stunde von hier in einem Hotel.“
An dieser Stelle hätte jede vernünftige Person die Situation noch einmal überdacht. Meine Leserin hingegen nickte erneut begeistert und betrachtete dies offenbar als kulturelle Bereicherung.
Ich hingegen begann ernsthaft an ihrem Urteilsvermögen zu zweifeln.
Im Laufe unserer Reise war mir bereits aufgefallen, dass meine Leserin die bemerkenswerte Begabung besitzt, potenziell fragwürdige Situationen zunächst für höchst interessante kulturelle Erfahrungen zu halten. Ich hielt die Vorstellung, ganz allein in der arktischen Wildnis zwischen Rentieren und sonstigen Gefahren zu übernachten, für mindestens diskussionswürdig. Sie jedoch schien vor allem erfreut darüber zu sein, dass das Abenteuer nun endlich beginnen konnte. Die Menschen sind manchmal wirklich schwer zu verstehen.
Den Tiefpunkt erreichte die Reise allerdings, als wir wieder wohlbehütet im Archiv der Bibliothek waren und sie vor einem Eisbärenfell stehen blieb, es ausführlich betrachtete und dann vorsichtig darüberstrich. Ich erinnere mich nicht daran, dass sie während unserer gesamten Reise auch nur einmal so zärtlich über meinen Einband geglitten wäre. Eine solche Kränkung vergisst ein Klassiker wie ich wohl kaum jemals.
Ich muss gestehen, dass ich ziemlich froh war, als wir die Reise wieder Richtung Heimat antraten. Ich war müde und fühlte mich von all diesen unerwarteten Erfahrungen ausgelaugt. Eine gemeinsame romantische Reise stellte ich mir wahrlich anders vor. Meine Leserin hingegen strahlte solchen Enthusiasmus und eine wahnsinnig erholte Lebensfreude aus. Was mir überhaupt nicht einleuchtete, denn zu Hause warteten nur drei kleine nervige Kinder, ein langweiliger Ehemann und monotone Bibliotheksarbeit. Ich beschloss diesen Gedanken aber dann doch offen zu lassen.
So ungern ich es als Klassiker zugebe: Vielleicht war diese Reise tatsächlich nicht nur eine Vernachlässigung meiner Person. Vielleicht wollte meine Leserin einfach einmal über ihren eigenen Tellerrand hinausschauen und sehen, wie die Kolleginnen und Kollegen im hohen Norden arbeiten. Europäische Bibliotheken stehen überall vor ähnlichen Herausforderungen, entwickeln dafür aber oft ganz unterschiedliche Lösungen. Und ich? Ich musste zu meinem Leidwesen dann doch einsehen, dass Reisen nicht nur Bücher, sondern auch die Menschen, die sie mitnehmen, verändern.
Und so stand ich bald wieder in meinem Regal. Irgendwie war dann doch alles anders. Vielleicht meine Bibliothek. Vielleicht die Bibliothekarin. Vielleicht nur die Fragen, die sie nun stellte und die Ideen, die sie hatte. Plötzlich wusste ich eines ganz sicher: Ich möchte beim nächsten Mal wieder dabei sein, wenn meine Leserin wegfährt. Vielleicht sogar in einer Neuauflage?! Die Chancen, mitgenommen zu werden, stehen zum Glück ganz gut – schließlich hat sie mich während der gesamten Reise nur ein einziges Mal aufgeschlagen.