Story von Melisa Spreco

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Zielland Malaysia
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Melisa Spreco, am 23.10.2026 um 12:07

10.000 Kilometer später

33 Jahre nach der Flucht meines Vaters führte mich Erasmus nach Malaysia. 10.000 Kilometer von zu Hause entfernt begann auch ein Teil meiner Geschichte.

Meine Geschichte beginnt nicht ganz mit meinem Erasmus …

Sie beginnt 1993, als mein damals 14-jähriger Vater mit seiner Familie vor dem Krieg fliehen musste. Sie stiegen in ein Flugzeug und landeten in Malaysia. So einfach klingt es, wenn man es in einen Satz packt, obwohl es ganz bestimmt das Gegenteil davon war. Meine Großeltern wussten damals wenig über Asien und eigentlich gar nichts über Malaysia. Und plötzlich sollte dieses fremde Land ihr Zuhause sein.

33 Jahre später, Mitte März 2026, landete ich in Kuala Lumpur. Plötzlich saß ich im Flugzeug nach Malaysia, um mein Auslandssemester an der Universiti Putra Malaysia zu beginnen. Bis zu diesem Tag hatte ich Europa noch nie verlassen. Ich hatte noch nie ein Visum beantragt, noch nie eine Wohnung gemietet und noch nie so lange getrennt von meinen Liebsten gelebt. Die Woche vor dem Abflug war deshalb eine seltsame Mischung aus Vorfreude und Panik.

Dann saß ich auf Platz 23H. Und plötzlich war es keine Idee mehr. Es war echt.

Ich erinnere mich noch daran, wie viele Gedanken gleichzeitig durch meinen Kopf gingen. Ich wollte weg und gleichzeitig bleiben. Ich wollte Abenteuer und Sicherheit. Ich wollte wissen, was mich erwartet, und verspürte gleichzeitig Neugier auf das Ungewisse. Und irgendwo zwischen Österreich und Malaysia begann ein Kapitel meines Lebens, von dem ich damals noch nicht wusste, dass es irgendwann so schwer sein würde, es in Worte zu fassen.

Wir landeten zu dritt in Kuala Lumpur. Drei Mädels, die zuvor drei Semester lang fast jeden Tag im selben Raum an der FH JOANNEUM in Graz gesessen hatten und nun gemeinsam am anderen Ende der Welt standen. Wir kannten uns bereits, aber unsere ersten richtigen Gespräche über Malaysia waren der Anfang einer Freundschaft, mit der wir damals wahrscheinlich nicht gerechnet hatten. Wir würden einen ziemlich verrückten Teil unseres Lebens miteinander teilen.

Die ersten Wochen bestanden aus unzähligen „OMG, was machen wir eigentlich hier?“-Momenten. Wir lernten die Dimensionen der Stadt kennen, fuhren mit öffentlichen Verkehrsmitteln durch unbekannte Viertel und versuchten, die verschiedenen kulinarischen Einflüsse Malaysias auseinanderzuhalten. Im Supermarkt standen wir vor Regalen voller fremder Produkte und suchten verzweifelt nach etwas, das uns an zu Hause erinnerte. Für Nasi Lemak zum Frühstück waren wir schließlich noch nicht bereit.

Wir lernten die ersten Wörter auf Bahasa Melayu, füllten unsere Handys mit Fotos und stellten schnell fest, dass 92 Prozent Luftfeuchtigkeit keine bloße Zahl auf einer Wetter-App sind, sondern eine sehr persönliche Erfahrung.

Kuala Lumpur fühlte sich anfangs wie eine Filmkulisse an. Zwischen den glitzernden Wolkenkratzern, den bunten Straßen Chinatowns und den beeindruckenden Batu Caves konnten wir manchmal kaum glauben, dass wir tatsächlich hier waren. Doch nach und nach wurden aus Sehenswürdigkeiten vertraute Orte. Wir fanden unseren Lieblings-Mamak, wo Roti Canai und Sirap Limau bald genauso selbstverständlich zu unserem Alltag gehörten wie ein Kaffee in Graz.

Natürlich lief nicht alles nach Plan. Unsere erste Wohnung entpuppte sich als Fehlentscheidung. Wir mussten ausziehen, Makler kontaktieren, Besichtigungen organisieren und selbst eine Lösung finden. Zum ersten Mal standen wir vor Herausforderungen, bei denen zu Hause normalerweise jemand wusste, wen man anrufen konnte. Hier mussten wir selbst herausfinden, wie es weiterging.

Und irgendwann merkten wir, dass wir es konnten. Wir kannten unsere Wege, hatten unsere Lieblingsorte und fanden uns immer besser zurecht. Kuala Lumpur war nicht mehr nur die aufregende Metropole am anderen Ende der Welt. Es wurde ein Ort, an dem wir uns zu Hause fühlten.

Wir begannen zu reisen.

Zuerst ging es nach Pulau Pangkor, wo unser Low-Budget-Lifestyle bedeutete, dass der Regen im Bus fast genauso stark hineinströmte wie draußen. Wir entdeckten riesige Echsen und fanden heraus, dass pinke Taxis auf dieser Insel offenbar das Fortbewegungsmittel waren.

Dann ging es mit dem Nachtbus auf die Perhentian Islands. Morgens wachten wir mit weißen Stränden vor der Tür auf, gingen schnorcheln, sahen Schildkröten, fanden Nemo und schwammen mit Haien. Letzteres erzähle ich meiner Oma bis heute nur sehr selektiv.

Später kam Singapur. Eine Freundin, die ihr Erasmus in Seoul machte, besuchte mich in Kuala Lumpur, und wir reisten gemeinsam weiter. Unter den Supertrees standen wir schließlich zwischen all den Lichtern. Es war einer dieser Momente, in denen wir kurz innehielten und realisierten, dass wir tatsächlich hier waren. Ein Ort, den wir früher vielleicht nur von Bildern kannten, war plötzlich Teil unserer eigenen Reise.

Dann Vietnam. Wir aßen uns durch die vietnamesische Küche, tranken Egg Coffee, liefen durch die Train Street und fuhren viel zu viel Motorrad. Hanoi ist eine Stadt, in der man die Straße manchmal am besten überquert, ohne allzu genau darüber nachzudenken, was gerade auf einen zukommt.

Nach drei Tagen zu Hause in Kuala Lumpur ging es weiter nach Indonesien. Diesmal reiste ich zunächst allein. Ich kam auf eine Insel, zu der ich später immer wieder zurückkehren würde. Ich sah wunderschöne Sonnenuntergänge und schwamm im kristallklaren Wasser. Gleichzeitig lernte ich die Tropen noch einmal von einer anderen Seite kennen: Mein Bungalow lag mitten im Dschungel, und wenn es regnete, versank der Weg im Schlamm. Mehr als einmal brachten mich Einheimische auf ihren Motorrädern nach Hause.

Dort lernte ich Dhara kennen. Sie nahm mich mit, als ihre Familie Eid feierte. Ich begleitete sie in die Moschee und lief mit ihr von Haus zu Haus, um ihren Verwandten ein frohes Fest zu wünschen. Überall wurde ich willkommen geheißen, und irgendwann hatte ich mehr Essen vor mir stehen, als ich jemals hätte aufessen können.

Auf Lombok traf ich meine Freunde wieder. Wir mieteten Roller, und unsere erste Fahrt führte direkt auf eine Schnellstraße. Wahrscheinlich nicht die verantwortungsvollste Art, das erste Mal Roller zu fahren, aber immerhin sehr effektiv, um sofort zu lernen.

Mama, falls du das liest: Ja, ich weiß. Du hättest das nicht für eine gute Idee gehalten. Deshalb hast du es auch erst jetzt erfahren.

Wir flogen nach Labuan Bajo, verbrachten drei Tage auf einem Boot und lernten Menschen aus aller Welt kennen.

Dann kam der Moment, den ich wahrscheinlich nie vergessen werde.

Unser Skipper schrie: „Manta, manta, jump!“

Wir sprangen. Das Wasser war kalt. Ich öffnete die Augen, und unter mir schwammen drei Mantarochen, jeder einzelne mehrere Meter groß.

Für einen Moment war alles andere unwichtig. Da war nur dieses Wasser, diese riesigen Tiere und der Gedanke, dass ich gerade tatsächlich mit ihnen schwamm. Ich hatte so etwas noch nie erlebt und hätte mir vor meiner Reise wahrscheinlich nicht einmal vorstellen können, dass ich es eines Tages tun würde.

Und während wir versuchten, so viel wie möglich von Südostasien zu erleben, lief unser Studentenleben natürlich weiter. Wir gaben Aufgaben ab, gingen zur Uni, hielten Präsentationen, schrieben Midterms und Endklausuren und arbeiteten in Gruppen mit malaysischen Studierenden. Wir unterstützten lokale Food Stalls mit Marketingkonzepten, drehten Videos, die auf TikTok viral gingen, und konnten mit einem unserer Konzepte sogar einen Umsatz erzielen, der ungefähr dreimal so hoch war wie zuvor. Unser iPad war irgendwann genauso selbstverständlich auf Reisen dabei wie Sonnencreme und Taucherbrille.

Wir bekamen unsere Zertifikate. Und plötzlich war dieses Semester vorbei. Oder zumindest der Teil, den ich mir ursprünglich vorgestellt hatte.

Denn eigentlich hatte ich geplant, am Ende meines Auslandssemesters nach Hause zu fliegen. Alle anderen taten es. Und jedes Mal stand ich am Flughafen und verabschiedete jemanden. Bis irgendwann niemand mehr da war.

Es fühlte sich falsch an, ein Flugticket nach Hause zu buchen. Kurz vor der Deadline ergab sich durch einen unglaublichen Zufall und viel Glück die Möglichkeit, mein Praktikum in Kuala Lumpur zu machen.

Aus meinem Auslandssemester wurde ein fast ganzes Jahr in Kuala Lumpur. Und aus der Studentin wurde eine Praktikantin.

Doch länger zu bleiben bedeutete nicht, mein Zuhause hinter mir lassen zu müssen.

Heimweh hatte ich erstaunlich wenig. Nicht, weil ich meine Familie und mein Zuhause nicht vermisst hätte, sondern weil ein Stück davon immer wieder zu mir nach Kuala Lumpur kam. Meine kleine Schwester, meine Freundinnen und schließlich auch meine Eltern besuchten mich. Mit jedem Besuch kamen Vertrautheit, gemeinsame Erinnerungen und ganz viel Glück mit nach Malaysia. Und natürlich Mannerschnitten und saure Gummibärchen. Ein Stück Österreich durfte schließlich nicht fehlen.

Mit meinen Freundinnen entstanden auf unseren Reisen durch Indonesien einige der verrücktesten Geschichten. In Kuala Lumpur durfte ich dann ihr ganz persönlicher Tourguide sein und sie alle bei ihren ersten Asienerfahrungen begleiten.

Mit meinen Eltern entstanden einige der emotionalsten Momente meiner Reise.

Mama und ich stellten Bilder meines Vaters aus seiner damaligen Zeit in Malaysia nach. Nur diesmal waren wir es, die hinter der Kamera standen.

Ich arbeite inzwischen hier, in dem Teil der Stadt, den ich scherzhaft meine kleine „Wall Street of KL“ nenne. Manchmal fällt es mir schwer zu begreifen, dass mein Vater 1993 als 14-jähriger Flüchtling in genau dieser Stadt angekommen ist und ich 33 Jahre später hier zur Arbeit fahre.

Ich bin die erste Frau in meiner Blutlinie, die so lebt.

Als meine Oma ungefähr so alt war wie ich heute, floh sie mit vier Kindern durch einen Wald in der Dunkelheit, um zu überleben.

Mein Weg ist nicht größer oder mutiger als ihrer. Er ist nur anders möglich geworden, weil sie ihren gegangen sind.

Vielleicht ist das der Gedanke, der mich während dieser ganzen Reise am meisten begleitet hat.

Ich bin nach Kuala Lumpur gekommen, mit den Erzählungen meiner Familie im Kopf, und habe hier angefangen, meine eigene Geschichte zu schreiben. Ich bin durch Straßen gelaufen, die meine Familie einst unter völlig anderen Umständen erlebt hat. Ich habe Menschen getroffen, die meinen Vater von früher kannten, und wurde von ihnen aufgenommen, als wäre ich selbst ein Teil ihrer Familie.

Wenn ich heute darüber nachdenke, wie viele Dinge zusammenkommen mussten, damit ich hier stehen kann, wirkt es fast unwirklich. Eine Flucht, ein neues Zuhause, ein Studium, ein Flugticket.

10.000 Kilometer von zu Hause entfernt habe ich nicht nur Malaysia kennengelernt. Ich habe Südostasien entdeckt, Menschen getroffen, die mir für immer in Erinnerung bleiben werden, und Tiere in freier Wildbahn erlebt, die ich zuvor nur aus Aquarien und Zoos kannte. Und ich habe eine Version von mir selbst kennengelernt, der ich zu Hause vielleicht nie begegnet wäre.

Aber ich habe auch angefangen, meine eigene Geschichte ein wenig besser zu verstehen. Meine Reise begann nicht erst an dem Tag, an dem ich auf Platz 23H saß. Ein Teil davon hatte schon Jahrzehnte zuvor begonnen, lange bevor ich überhaupt geboren wurde.

Und wenn ich dieses Kapitel meines Lebens tausendmal durchleben dürfte, würde ich mich wahrscheinlich tausendmal wieder für genau diese Reise entscheiden.