Story von Nicole Guthan

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Zielland Dänemark
Kategorie
Sport
Soziale Netzwerke

Nicole Guthan, am 21.10.2026 um 09:53

Vorbilder für Freiwilligenarbeit gesucht und gefunden

Ein zweites Erasmus und eine Reise nach Dänemark.

Es war Ende der 00er Jahre. Ich war Anfang 20. Spanien. Ein ganzes Semester. An der Universidad Autónoma de Madrid. Jede:r hat gewusst: Erasmus, das geht nur ein Mal. Ein einziges Mal darf man „Erasmus machen“. Und es war alles. Eine Erfahrung. Lernen. Verstehen. Staunen. Reisen. Sehen. Hören. Riechen. Schmecken. Fühlen.

Fast 20 Jahre später und es hat sich viel getan. Im Rahmen meiner Berufstätigkeit habe ich miterlebt, wie viele andere Programme zu Erasmus wurden. Dass Erasmus nun noch viel mehr Menschen offensteht. Dass Erasmus mehr ist als das klassische Auslandssemester. Und dass Erasmus nicht auf eine einzige Mobilität beschränkt ist.

Fast 20 Jahre später also. Noch einmal Erasmus. Dänemark. Diesmal war ich keine Studentin mehr, die die Welt erobern wollte. Dieses Mal war es mein ehrenamtliches Engagement für einen Sportverband. Denn was den wenigsten bewusst ist, auch im Sport werden internationale Mobilität und Kooperation gefördert. 

Unser Projekt heißt „Volunteers in Armor – Learning from Community-Based Volunteer and Youth Structures“. Unsere Partnerorganisation Bifrost ist eine dänische Jugendorganisation, die sich unterschiedlichen Varianten des Rollenspiels widmet und damit Kreativität von jungen Menschen fördert. 

Was das mit unserem Sport zu tun hat? Ziel des Projekts ist, die ehrenamtlichen Strukturen unseres Sportverbands nachhaltig zu stärken. Für viele Vereine ist es nämlich zunehmend schwierig, junge Menschen für ehrenamtliche Tätigkeiten zu motivieren. Wir wollen von einer erfolgreichen Organisation lernen, wie junge Menschen für freiwilliges Engagement gewonnen, begleitet und langfristig in verantwortungsvolle Aufgaben eingebunden werden können.

So kam es dazu, dass ich vom Sport-Fachverband für Medieval Combat nominiert wurde, gemeinsam mit dem Verbandspräsidenten, der den Projektantrag ausgearbeitet hat, für den zweitägigen Preparatory Visit zu unserer Partnerorganisation Bifrost nach Kopenhagen zu reisen.

Nachdem ich (vergleichsweise wohl) schon viel gereist bin - von der Wüste Gobi bis zur Salar de Uyuni - war eine Sache dieses Mal neu und besonders: Es war meine erste Reise mit meinem Baby. 

Die Mitarbeiter:innen unserer Partnerorganisation Bifrost haben uns herzlich aufgenommen. Dass mein damals neun Monate altes Kind mit an Bord war, war überhaupt kein Problem. Wir haben detailliert über das Projektziel gesprochen, was Bifrost ausmacht, wie Freiwilligenorganisationen in Dänemark funktionieren, über die historischen Hintergründe usw. Schnell war klar, dass wir vieles von Bifrost lernen können. Gleichzeitig konnten wir bei den Dän:innen das Interesse an unserem Sport, insbesondere dem Soft Armored Fighting, wecken. Er eignet sich gut für das Aktivitätsportfolio von Bifrost, weswegen wir Trainingseinheiten im Rahmen des Job-Shadowings durch unsere Trainer:innen vereinbart haben. Damit konnten wir die Ziele und Aktivitäten für die Job-Shadowings festlegen und den Ablauf planen. Während unserer Besprechung wurde mein Baby unter dem Konferenztisch mit babygerechtem Büromaterial versorgt und hat sich damit eingehend beschäftigt.

Nach diesem ersten Teil des Preparatory Visits folgte ein besonderes Highlight: Der Besuch der sogenannten Rollespilfabrikken, einer Bifrost-Mitgliedsorganisation. Sie zählt zu den größten Rollenspielvereinen Dänemarks und organisiert vielfältige Angebote für Kinder, Jugendliche und Erwachsene.

Während mein Baby, müde vom Erkunden des Bifrost-Büros, in seiner Trage eingeschlafen war, besichtigten wir einen riesigen Kostümfundus, der für Rollenspiele ausgelegt ist. Ich kann mir nicht vorstellen, in wie vielen unzähligen Arbeitsstunden die Vereinsmitglieder hier liebevoll Kleidung und Accessoires genäht und gebastelt haben. Beeindruckend ist dabei auch die Disziplin der Mitglieder. Denn die Räumlichkeiten stehen allen Mitgliedern jederzeit zur Verfügung. Dabei wird nichts entwendet und nichts zerstört. Niemand nutzt den freien Zugang für unerwünschte Zwecke und Arbeitsspuren werden sorgfältig beseitigt, damit auch Nächsten saubere Arbeitsplätze vorfinden. 

Unser letzter Programmpunkt war noch ein gemeinsames Essen. Bei Smørrebrød und kühlen Getränken ließen wir den Besuch ausklingen. 

Den Abend haben wir genutzt, um Kopenhagen ein bisschen zu erkunden. Natürlich durften die kleine Meerjungfrau, der Stadteil Nyhavn und ein Lego Store nicht fehlen. Am nächsten Tag ging es leider schon zurück nach Hause. Mit schönen Erinnerungen und der Tatsache, dass die erste Auslandsreise meines Kindes im Rahmen einer Erasmus-Mobilität erfolgt ist.

Es war diesmal ein anderes Erasmus. Ein „erwachseneres“ Erasmus. Ein Erasmus unter anderen Vorzeichen und mit anderen Zielen. Aber eines war es auf jeden Fall wieder: Ein besonderes Erasmus.