Tagebuch von Romana Zeitlhofer

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Ausbildungsland Finnland
Geburtsdatum 26.12.2002
Ausbildung
Schüler/in
Soziale Netzwerke & Rss

Romana Zeitlhofer, am 23.10.2020 um 12:03

Wie ich Teil einer finnischen Familie wurde

Bereits nach wenigen Tagen war klar, MEIN Praktikum wird wunderbar!

Landung in Helsinki – Die ersten sechs Wochen – Halbzeit

Reisen und Fliegen in Zeiten von Corona ist anders. Aufgrund der Pandemie wurden meine Flüge nach Finnland von der Fluggesellschaft umgebucht. Statt beide Flüge (Wien-Helsinki und Helsinki-Kuopio) an einem Tag zu haben, wurden sie auf Samstag und den darauffolgenden Sonntag aufgeteilt. Durch diese Aufteilung musste bzw. durfte ich eine Nacht in einem Hotel neben dem Flughafen Helsinki verbringen. Sonntagmittag ging mein zweiter Flug nach Kuopio und von dort holte mich dann meine Chefin mit dem Auto ab.

Es war ein sehr netter Empfang auf dem kleinen Flughafen und wir waren beide glücklich, dass ich nun wirklich in Finnland war und mein Praktikum antreten konnte. Nach ungefähr zwei Stunden Autofahrt auf Straßen mit unglaublich vielen Schlaglöchern sind wir dann am Betrieb angelangt.

Der Betrieb Pekkala befindet sich in der Nähe der Stadt Kiuruvesi und hat 150 Milchkühe, etwa 80 Stück Nachzucht und 335 Hektar Wald. Es werden 230 Hektar Grünfläche bewirtschaftet, wobei 200 Hektar Eigengrund sind. Gleich zu Beginn fiel mir auf, dass das Betriebsgelände viele Gebäude in verschiedenen Größen und auch Hütten umfasst.

Nach einem ersten Kennenlernen der Großfamilie (sechs Kinder und schon vier Enkelkinder) und meinem Einzug ins Praktikantenzimmer wurde ich am Sonntagabend gleich zu meinem ersten Ausflug mitgenommen. Die zwei jüngsten Kinder (Anna 11 & Arttu 12) und die Eltern (Marita und Risto) fuhren mit mir zum Baden an einen nahe gelegenen See. Dort lernte ich auch Stand-up-Paddeln und wir verbrachten unseren ersten Abend gemeinsam und lernten uns kennen.

Am Montag, den 20. Juli, startete mein Praktikum offiziell. Tagwache war künftig um 6:00 Uhr morgens. Nach einem kleinen Müsli ging es mit meiner Chefin um 6:30 Uhr mit dem Auto in den Stall. Die Farm liegt auf einem sehr felsigen Hügel, deshalb war es nicht möglich, den langen Kuhstall ebenfalls dort zu bauen. So befindet sich das große Gebäude nun am Fuße des Hügels. Da aber die Entfernungen zwischen Familienhaus und den einzelnen Stallgebäuden (Kuhstall, Nachzuchtstall) mehrere hundert Meter beträgt, werden diese Strecken hauptsächlich mit Autos, Mopeds oder auch Traktoren zurückgelegt.

Meine Chefin Marita zeigte mir die Abläufe im Stall, wie und was alles zu erledigen war und worauf ich achten musste. Die erste Stalltätigkeit am Morgen, ist die Kühe, die nach 8-10 Stunden noch nicht von selbst zum Melkroboter gegangen waren, in einer großen Box zu sammeln, damit sie gemolken werden können. Der Stall hat zwei getrennte Seiten und in der Mitte befindet sich der Futtertisch. Dort wird eine Silagemischung ausgebracht und dann verfüttert. Weiters werden die Liegeboxen der Milchkühe gesäubert und frische Sägespäne verteilt, damit eine weiche und trockene Unterlage vorhanden ist, um zum Beispiel Euterentzündungen vorzubeugen.

Für die kleinsten Kälber wird die Milch erhitzt und verfüttert. Genüsslich wird die warme weiße Flüssigkeit verschlungen und wann immer es mir möglich war, gab es auch Streicheleinheiten für die Kälber. Aufgaben wie das Säubern und Waschen der Melkroboter und Wassertränken gehörten natürlich auch zu meiner Stallroutine.

Wenn Kühe gesundheitlich Probleme haben, werden sie in eine separate Box gebracht, wo der Kopf fixiert und Medizin verabreicht wird. Dies geschieht entweder über das Maul oder intravenös mittels Injektionen. Wenn es Wunden gibt, werden dieser gesäubert und desinfiziert und dann frisch verbunden.

Natürlich sind die Milchlieferantinnen auch hungrig. Das Futter besteht aus Silage, Raps, Korn und einer Gerstenbruchmischung. Tierarztbesuche oder Besamungen der Kühe finden immer vormittags während oder nach der Stallroutine statt. Diese Stallroutine wurde von mir nun an 5 Tagen in der Woche (Montag bis Freitag) absolviert. Der Stallgang am Nachmittag ähnelt dem am Morgen, nur entfallen manche Reinigungsarbeiten. Die Stallzeiten waren 6:30-10:00/10:30 Uhr und 15:00-17:00/17:30 Uhr. An den Wochenenden hatte ich frei.

Zwischen den Stallzeiten warteten andere Aufgaben auf mich. Silageballen von den Feldern holen, gemeinsam mit dem Sohn einen älteren Traktor reparieren, Futter mischen und anfallende Arbeiten erledigen. Zu Beginn meines Praktikums wurde auch mit dem Bau von vier Fahrsilos begonnen. 2x8 und 2x12m sind sie breit, 3m hoch, unglaubliche 50 m lang und auch bei diesem Projekt durfte ich mithelfen. Danach stand silieren auf dem Programm. Das feuchte Wetter und der nasse Boden machten es wirklich nicht einfach. Es war eine lange und anstrengende Prozedur, aber am Ende wurden 85 Hektar siliert und dabei entstanden rund 600 Ballen.

Da die Fahrsilos noch ganz neu waren, wurden die ersten 85 Hektar Gras in Ballenform siliert und weitere 90 Hektar aber in die Fahrsilos. Da mein Betrieb noch nicht die notwendige Maschinerie für das Silieren in Fahrsilos hatte, halfen Freunde vom älteren Sohn aus. Mit 3 Valtra Traktoren – der größte hatte 450 PS –, jeweils einem Abschiebewagen und einem Class Jaguar Feldhäcksler wurden 90 Hektar in 10 Stunden bewältigt.

Neben der Arbeit am und rund um den Hof durfte ich sehr viel Zeit mit meiner Familie verbringen. Aufgrund von Zeitmangel war es meiner Gastmutter so gut wie nie möglich Kuchen zu backen. Ich nahm mich dieser Aufgabe mit Freude an und verwöhnte meine Familie mit leckeren Kuchen und Torten. Darüber hinaus kamen österreichischen Spezialitäten wie Schnitzel oder Kaiserschmarren auf den Tisch und zusätzlich kochte ich große Mengen an verschiedenen Beeren zu Marmelade ein. Der hauseigene Beerengarten war ein Paradies und wurde eigentlich viel zu selten genutzt.

In der dritten Woche fand die Hochzeit einer Tochter statt und auch ich war zu dieser sehr familiären Feier eingeladen. Nach der Trauung ging es in ein feines Landhaus direkt am See – gelegen in einer wunderbaren Umgebung. Es war ein sehr schönes und persönliches Erlebnis, an dem ich teilhaben durfte.

Viele Abende verbrachten wir in gemütlicher Runde auf der Couch, erzählten uns ländertypische Dinge und sahen uns Fotos an. Ich sah Bilder von der Natur in Lappland und den Polarlichtern und ich präsentierte meinerseits Aufnahmen von meinem Zuhause, einem Vierkanter im Mühlviertel, und meiner näheren Umgebung.

Die zwei jüngsten Kinder betreiben so wie ich Leichtathletik und so führte uns schon bald ein Wettkampf nach Kuopio. Vor den Bewerben sah ich mir die Stadt an und dann feuerte ich Anna und Arttu bei ihren Laufbewerben aus Leibeskräften an. Der ältere Sohn (Oskarie) und seine Freundin (Heli, beide 21) unternahmen am Wochenende regelmäßig Ausflüge, zu denen sie mich immer mitnahmen. Sie zeigten mir zahlreiche Seen und wir verbrachten viele Sommerabende bzw. Feierabende mit Stand-up-Paddeln, am oder im Wasser. Natürlich dürfen hier die für Finnland berühmten Saunagänge nicht fehlen. Sie waren einfach herrlich und die mehr als willkommene Abkühlung im See danach ein echter Genuss. Nach einem abgeschlossenen Saunagang stärkt man sich mit Elchfleisch oder anderen finnischen Spezialitäten, ob in flüssiger oder fester Form.

Passend zur Halbzeit meines Praktikums auf dem Betrieb Pekkala fuhren wir am Wochenende für einen Tag in den Ort Kalajoki. Kalajoki liegt am Meer gegenüber Schweden und ist mit seinen wunderschönen Sandstränden ein sehr beliebtes Urlaubsziel. Eine Wanderung entlang des Strandes, Stand-up-Paddeln rund um die Sandbänke oder einfach nur das erfrischende Meer genießen, all das brachten wir in kurzer Zeit unter. Nicht weit davon entfernt war ein Klettergarten, in dem wir eine durchaus schwierige Route zu bewältigen hatten. Nach den anstrengenden Stunden im Klettergarten stärkten wir uns schließlich mit einem leckeren Eis und beschlossen anschließend Cart zu fahren. Zwischen den zwei Söhnen wollte und musste ich mich behaupten, mein Ehrgeiz war geweckt und was soll ich sagen, es gelang mir tatsächlich. Danach fuhren wir zurück ans Meer und genossen einen der letzten Sommertage. Bei Steaks und einem wunderbaren Sonnenuntergang feierten wir so meine erste Halbzeit.

Ein typischer See in Finnland.