Tagebuch von Seraphim Schuchter

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Ausbildungsland Spanien
Geburtsdatum unbekannt
Ausbildung
Studierende/r
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Seraphim Schuchter, am 22.10.2020 um 16:35

Erasmus am Institut del Teatre in Barcelona

2 ereignisreiche Semester in Spanien

Bereits seit einiger Zeit waren Wunsch und Wille in mir vorhanden, einen Auslandsaufenthalt im Rahmen meines Tanzstudiums zu machen. So habe ich nach guter Überlegung und genauem Recherchieren den Entschluss gefasst, mich am Institut del Teatre in Barcelona zu bewerben. Es folgte eine etwas längere Phase der Portfolioerstellung (ua. Tanzvideos drehen und bearbeiten, Motivationsschreiben verfassen) und des Ausfüllens zahlreicher Bewerbungsunterlagen. Obwohl ich mir den Prozess anfangs bürokratisch sehr aufwändig vorgestellt hatte verlief er dann vor allem durch die Arbeit der Koordinatorinnen reibungslos. Ein paar Monate später bekam ich von Barcelona eine Zusage für einen Aufenthalt im WS 2019/2020, den ich dort bis Ende Juni 2020 verlängerte.


Stadt/Land/Kultur

Barcelona ist die Hauptstadt Kataloniens, einer Region im Nordosten Spaniens. Offizielle Amtssprachen sind Spanisch und Catalán, wobei die Einheimischen bevorzugt Catalán sprechen. Es leben dort auch einige Ausländer (vor allem aus Lateinamerika), womit diese Stadt ein sehr internationales und buntes Flair hat. Das Klima ist mediterran und es gibt im Vergleich zu Österreich sehr viele Sonnenstunden. Selbst die dortige „kalte“ Jahreszeit macht sich in Barcelona erst gegen Mitte November sichtbar.

Die Menschen dieser Stadt sind sehr offen und gesprächig, wobei ich selbst die Erfahrung gemacht habe, dass der Umgang in vielerlei Hinsicht viel direkter gepflegt wird als in Mitteleuropa. So musste ich zB die Fahrgäste in öffentlichen Verkehrsmitteln oder Aufzügen mit einem verbalen „permiso“ darauf aufmerksam machen, wenn ich einen Sitzplatz benutzen wollte oder noch Platz für einen weiteren Fahrgast im Aufzug war. Auf alle Fälle habe ich gelernt, dass man dort aktiver und direkter auf die Menschen zugehen und klarer und konkreter die Dinge formulieren muss. Trotz meiner bereits vorher bestandenen soliden Spanischkenntnisse war das für mich anfangs nicht einfach - deren Sprechtempo kam mir vor allem ziemlich schnell vor und es war ein stetiges Auf und Ab im Perfektionieren der Sprache - aber mit der Zeit habe ich mich sprachlich und kulturell sehr gut zurechtgefunden und eine gewisse Wachheit und Eloquenz entwickelt. Als dann die Zeiten gekommen sind, wo ich regelmäßig auf Spanisch träumte, war die Freude umso größer.

Das geschichtliche Erbe, die kulturelle Vielfalt und das bunte Treiben auf Barcelona’s Straßen machen diese Stadt so besonders und interessant, was sehr viele Menschen aus Spanien und der ganzen Welt zum arbeiten und leben anzieht. Allerdings gibt es auch über das ganze Jahr einen großen Andrang an TouristInnen, was man vor allem an den Immobilienpreisen bemerken kann. Der Wohnungsmarkt ist dort sehr umkämpft und nachdem Barcelona flächenmäßig viermal so klein ist wie Wien und dennoch eine der höchsten Bevölkerungsdichten in der EU aufweist sind die Mietpreise vor allem für Studierende enorm - trotz meist sehr kleiner, dunkler Zimmer und Hellhörigkeit. Die Situation am Immobilienmarkt hat mittlerweile sogar Firmen auf den Plan gerufen, ein Geschäft mit Schlafkabinen - inspiriert von Bienenwaben - zu machen. Da ich bereits vor meinem Erasmus-Aufenthalt Freunde in Barcelona hatte, war die Wohnungssuche für mich jedoch hinfällig.

Neben dem pulsierenden Leben in der Stadt haben auch das Meer und die umliegenden Landschaften meinen Aufenthalt bereichert. In der Nähe gelegene Berge wie Montserrat, der Naturpark Montseny mit seinen atemberaubenden Bergpanoramen und die inspirierende Costa Brava bieten sowohl sportliche Möglichkeiten als auch Zeit zum Abschalten. Durch zahlreiche Zug- und Busverbindungen sind diese Naherholungsgebiete sehr gut und schnell erreichbar.


Uni

Das Institut del Teatre befindet sich im Herzen von Poble Sec, einem „Grätzel“, das am Fuße des Montjuic (Hausberg von Barcelona) liegt. Es beherbergt mehrere Tanzkonservatorien sowie Abteilungen für Schauspiel, Physical Theatre, Bühnenbild, Dramaturgie und Musik. Zugleich befinden sich in der umliegenden Nachbarschaft mehrere Tanz- und Theaterhäuser. Ich wurde mit meinen anderen Erasmus-Kolleginnen am ersten Tag sehr freundlich und informell von der Abteilungsleitung begrüßt und auch die regulär Studierenden waren sehr offen und zugänglich.

Der Austausch hat mit einem 3 Wochen dauernden Intensive begonnen, wobei ich eine tägliche Rhythmik-Klasse zusammen mit dem 2. Jahrgang und eine Trainingsklasse mit dem 3. und 4. Jahrgang hatte. Im Oktober ging das Studium mit dem regulären Stundenplan los, wobei wir am Vormittag Theorie- und Technikklassen und am Nachmittag Kreative Arbeit oder Theorieklassen hatten. Das Tanztraining ist in Blöcken organisiert, wobei jeder Block 5 Wochen dauert und einen Stil beinhaltet. Das Angebot an Stilen ist dort sehr breit gefächert und umfasst unter anderem Contemporary, Ballett, Flamenco und HipHop. Gemeinsam mit meiner Kontaktperson habe ich mir meinen individuellen Stundenplan erstellt und da ich Gaststudent war durfte ich anfangs viele Klassen ausprobieren, bis ich mich endgültig entschieden habe. Den Unterricht hatte ich dann hauptsächlich mit dem 3. Jahrgang. Der Hauptfokus der Ausbildung liegt dort mehr im künstlerisch-choreografischen Arbeiten als im technischen Training wobei jede Tanzklasse ein improvisatorisches Element enthält. Somit war nach meinen Studienjahren am Institute of Dance Arts an der Bruckneruni der Auslandsaufenthalt in Barcelona eine optimale Ergänzung.

In Spanien sind die Tagesrhythmen anders als in Österreich. Dort wird erst ab 15:00 zu Mittag gegessen, was mir als Tänzer anfangs besonders schwer fiel, da wir von 8:30 bis 15:00 Unterricht mit nur sehr kurzen Pausen dazwischen hatten. In den ersten Wochen fühlte sich das für mich sehr stressig an aber nach einiger Zeit habe ich mich so wie die anderen Studierenden daran gewöhnt. Der ungesunde Pausen- und Mahlzeitenrhythmus sowie das Essensangebot der Mensa am Institut del Teatre – vorwiegend fetthaltige und frittierte Speisen - sind für Tänzer langfristig nicht geeignet, weswegen ich mir meine Mahlzeiten schon im Vorhinein zuhause zubereitet hatte.

Die Unterrichtssprachen sind Spanisch und Catalán, wobei die meisten Lehrenden auf Spanisch unterrichten, da die Studierenden aus unterschiedlichen Regionen Spaniens oder auch Lateinamerikas kommen. In manchen Fällen wechselten ProfessorInnen und StudentInnen automatisch ins Catalán aber sobald sie auf die GaststudentInnen aufmerksam wurden, haben sie Spanisch gesprochen.

Das Institut beherbergt zahlreiche großzügige Tanzsäle, die jedoch wegen der unterschiedlichen im Haus vorhandenen Tanzausbildungen sehr gefragt sind. Zudem ist das Prozedere um einen Saal zu bekommen bürokratisch und kompliziert. Für eine Reservierung unter der Woche muss man am selben Tag zum Portier gehen und nachfragen, welche Säle frei sind - meist gibt es davon keine mehr - und für eine Reservierung am Wochenende muss man im Vorhinein ein Formular im Büro im letzten Stock ausfüllen. Listen zum selbstständigen Eintragen gibt es dort nicht. Unter diesen Umständen wurde eigenständiges Proben zu einer Herausforderung und so habe ich oft in frei gewordenen, kleinen Musiksälen geprobt oder trainiert. Hier war Spontaneität gefragt.


Ausschreitungen und Corona

Bereits im Oktober 2019 gab es politisch motivierte Ausschreitungen und Auseinandersetzungen in ganz Katalonien. Auslöser war ein Gerichtsurteil aus Madrid, wonach zahlreiche PolitikerInnen der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung zu mehreren Jahren Haft verurteilt wurden. Sehr viele Menschen, darunter auch Studierende und Lehrende, zog es über Wochen auf die Straßen Barcelonas, was den Unterricht massiv beeinträchtigt hat. Teilweise waren wir sehr wenige im Unterricht oder die Säle waren überhaupt leer, sodass ich über diese Zeit meinen Tagesablauf flexibel gestalten musste. Da die Stimmung in der Region emotional so aufgeladen war, hat es einmal sogar einen Generalstreik gegeben. Nach ein paar Wochen hat sich die Lage beruhigt und der Unterricht konnte wieder normal stattfinden.

Im Sommersemester 2020 kam dann Covid-19 dazwischen. Nachdem am 12. März bekannt worden war, dass das Institut del Teatre für 2 Wochen schließen wird, war mir bereits klar, dass ich bis auf Weiteres nach Österreich zurück kehren werde. Und da die Situation vor allem in Spanien sehr kritisch war und mir bewusst wurde, dass diese Pandemie noch länger dauern wird, konnte ich mein Erasmus-Jahr nur mehr online von Österreich aus abschließen. Die online-Klassen haben mir trotzdem ein Gefühl gegeben, noch dort zu sein.


Persönliche Reflexion

Durch all die Erlebnisse und Herausforderungen, die mein Erasmus-Jahr geprägt haben - egal ob im Positiven oder im Negativen - habe ich einiges gelernt. Nicht nur meine sprachlichen Fähigkeiten sondern auch meine tanzkünstlerisch-kreativen Ideen konnte ich erweitern. Das Jahr im Ausland und unter anderen ungewöhnlichen Rahmenbedingungen zu leben und zu studieren haben mich gelehrt, die hiesigen Gegebenheiten und Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen bzw. zu schätzen. Man beginnt, die Dinge aus einer anderen Perspektive zu betrachten und versteht, dass es nicht nur eine sondern unterschiedliche "Wahrheiten“ und "Realitäten" geben kann. Durch das neugierige Verlassen der eigenen "Bubble", das Ablegen von eigenen Gewohnheiten und das Erleben von etwas Anderem wird man offener und flexibler sowie respekt- und verständnisvoller in Bezug auf kulturelle Vielfalt. Das Eintauchen in eine andere Lebensweise und eine andere Art des Tanzens hat mich persönlich sehr bereichert. Vor allem habe ich aber durch die dortigen Gepflogenheiten und durch die Corona-Pandemie gelernt, spontaner zu sein und mit Ruhe und Geduld zu improvisieren, wenn’s doch mal anders kommen sollte als geplant. Einen Auslandsaufenthalt kann ich jedem nur empfehlen. Macht es!