Als ich mich für ein Erasmus+-Semester in Südkorea bewarb, fragten mich viele, warum ausgerechnet Seoul. Ehrlich gesagt gab es dafür nicht nur einen Grund. Ich wollte meinen Horizont erweitern, eine Kultur kennenlernen, die sich stark von unserer unterscheidet, und die Chance nutzen, einmal für längere Zeit auf der anderen Seite der Welt zu leben.
Natürlich habe ich mich im Vorfeld informiert – über die Hanyang University, die koreanische Kultur, das Visum und das Leben in Seoul. Trotzdem kann einen nichts wirklich auf die vielen Eindrücke vorbereiten, die einen dort erwarten.
Schon in den ersten Tagen wurde mir bewusst, wie unterschiedlich der Alltag in Südkorea ist. Respekt spielt eine zentrale Rolle. Ältere Menschen haben immer Vorrang, man überreicht Gegenstände mit beiden Händen und selbst das Anstellen vor der U-Bahn funktioniert erstaunlich diszipliniert. Gleichzeitig ist Seoul eine Stadt voller Gegensätze. Zwischen traditionellen Hanok-Häusern stehen moderne Wolkenkratzer, ruhige Tempel liegen nur wenige Minuten von lebhaften Einkaufsstraßen entfernt und trotz der Millionenmetropole fühlt man sich selbst nachts sicher.
Besonders beeindruckt haben mich die Menschen, die ich kennenlernen durfte. Über die Universität und die Studentenorganisation KOPLE entstanden Freundschaften mit Studierenden aus Italien, Dänemark, Frankreich, Deutschland, Finnland, Israel, China, Russland und vielen weiteren Ländern. Obwohl wir aus völlig unterschiedlichen Kulturen kamen, hatten wir alle dasselbe Ziel: das Beste aus unserem Auslandssemester zu machen.
Gemeinsam entdeckten wir Seoul, gingen Karaoke singen, probierten uns durch die koreanische Küche und reisten durch Asien. Neben Jeju, Busan und Sokcho in Südkorea durfte ich auch Japan, China und die Philippinen bereisen. Diese Erfahrungen wären ohne Erasmus+ wahrscheinlich nie möglich gewesen.
Natürlich gab es auch Herausforderungen. Die Sprachbarriere, die Bürokratie rund um das Visum und die Foreign Registration Card sowie die Umstellung auf ein anderes Universitätssystem waren anfangs nicht immer einfach. Rückblickend haben genau diese Situationen mich aber wachsen lassen. Ich habe gelernt, geduldig zu bleiben, flexibel auf neue Situationen zu reagieren und auch dann Lösungen zu finden, wenn nicht alles nach Plan läuft.
Am meisten überrascht hat mich, wie sehr ich mich persönlich verändert habe. Ich habe gelernt, häufiger meine Komfortzone zu verlassen. Alleine zu Veranstaltungen zu gehen, neue Menschen anzusprechen oder spontan zu reisen fiel mir mit der Zeit immer leichter. Heute weiß ich, dass genau außerhalb der Komfortzone die schönsten Erinnerungen entstehen.
Natürlich habe ich auch Dinge vermisst – meine Familie, meine Freunde und manchmal einfach ein Stück Heimat. Gleichzeitig habe ich in Seoul etwas gefunden, das ich nicht erwartet hatte: ein zweites Zuhause.
Wenn ich zukünftigen Erasmus+-Studierenden einen Rat geben dürfte, dann wäre es dieser: Nutzt jede Gelegenheit. Sagt Ja zu Einladungen, probiert Neues aus und habt keine Angst davor, Fehler zu machen. Ein Auslandssemester besteht nicht nur aus Vorlesungen oder Sehenswürdigkeiten. Es sind die Begegnungen mit Menschen, die kleinen alltäglichen Momente und die Herausforderungen, an denen man wächst.
Für mich waren diese dreieinhalb Monate viel zu kurz. Ich bin mit einem Koffer voller Souvenirs nach Hause gekommen – aber vor allem mit Freundschaften auf der ganzen Welt, unzähligen Erinnerungen und der Gewissheit, dass Erasmus+ eine der besten Entscheidungen meines Lebens war.