Tagebuch von Luna Bas

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Ausbildungsland Schweden
Geburtsdatum unbekannt
Ausbildung
Studierende/r
Soziale Netzwerke & Rss

Luna Bas, am 05.11.2020 um 15:55

Hätte, hätte Fahrradkette

Was wäre wenn? Was wäre, wenn es Corona nicht gäbe? Wo wäre ich hingereist? Wen hätte ich kennengelernt? Fragen über Fragen.

Die Zeit in Schweden war schön, unbeschwert und eben genau so, wie man sich ein Auslandssemester eigentlich vorstellt. Freundschaften haben sich schneller als gewöhnlich entwickelt, da die Zeit im Norden mit einem Ablaufdatum versehen war und sie jeder möglichst effizient nutzen wollte. Das hat bis Mitte März soweit eigentlich auch gut funktioniert. Bis der Corona-Virus plötzlich auch Europa fest im Griff hatte.

Dabei spielte der Virus bereits weitaus früher eine Rolle in dem kleinen Städtchen Jönköping. Mit Beginn der Kick-Off Woche und der damit einhergehenden Anreise tausender Studierenden aus dem Ausland, wurde bereits Anfang Jänner die erste Infizierte nach Jönköping eingeflogen. Die betroffene Studentin stammte aus Wuhan, jenem Ort, in dem der Virus seinen Ursprung fand. Sie reagierte jedoch rechtzeitig, isolierte sich selber und informierte die Universität zeitnah, sodass es zu keiner registrierten Übertragung kam. Für alle anderen wirkte diese Nachricht zu jenem Zeitpunkt noch sehr surreal, so waren Anfang Jänner zunächst keine weiteren Fälle in Europa bekannt. Viele fanden es sogar lustig, dass ausgerechnet der Ort, an dem sie ihr Auslandssemester verbrachten, jener wäre, an dem der Virus erstmalig in Europa registriert wurde.

Bis zum großen Eklat Mitte März blieb es in Schweden weitgehend ruhig. Zeitgleich mit den zahlreichen Ausbrüchen in Europa, schloss dann aber auch die Jönköping University ihre Türen und der Unterricht wurde vollkommen auf den Online-Bereich verlegt. Am 15. März verließ uns dann bereits die erste Person, die auf Drängen ihrer Eltern hin, den Weg zurück nach Kanada antrat. Nach und nach folgten viele ihrem Beispiel. Einige davon, weil sie Angst hatten, nicht mehr in ihr Heimatland zurückkehren zu können, andere wiederrum, weil die Eltern besorgt waren. Aus unserer Kick-Off Gruppe reisten „nur“ fünf Personen ab, da viele Flüge bereits gecancelt worden waren und die Leute plötzlich in Schweden festsaßen. Im europäischen Vergleich haben dennoch viele ihr Auslandssemester fortgesetzt, da Schweden von Anfang an eine andere Strategie verfolgte und ein erwarteter Lockdown ausblieb. Dennoch waren es komische und ungewisse Zeiten, denn schließlich hätte sich die Situation jeden Tag verändern können. Besonders die ersten zwei Wochen nach dem europaweiten Shutdown brachten viele Zweifel und vor allem Fragen mit sich. Bedeutet, dass nur weil es erlaubt ist rauszugehen, es auch gut ist? Soll ich mich einsperren oder ganz normal weiterleben? Sämtliche Verpflichtungen waren plötzlich weg. Alle geplanten Reisen fielen aus, Besucher konnten nicht kommen und die Uni war zu. Was blieb, war das schöne Wetter, welches mit Coronavirus in Europa einzog und die Gastronomie, die weiterhin geöffnet hatte. Alle Perspektiven hinsichtlich der besten Zeit meines Lebens waren zerschmettert. Zwei Wochen lang lebten wir mehr oder weniger nur vor uns hin, ohne die Zeit in Schweden großartig zu nützen. Nach Ablauf dieser Zeit, siegte jedoch der Wille, die verbleibenden Monate doch noch zu etwas Besonderem zu machen.

Mit Frühlingseinzug begannen wir als kleine Gruppe („The remaining cool people“) Ausflüge zu organisieren und somit die verlorenen Reisen angemessen zu kompensieren. Da der Abschied nahte, fokussierten wir uns darauf, so viel Zeit wie möglich miteinander zu verbringen. Sonnenaufgänge, Fahrradtouren, Wanderungen und Grillparties waren nur ein schmaler Auszug unseres umfangreichen Programms. Ab April wagten wir uns auch etwas weiter weg und konnten dank Mietwagen und Airbnb sogar bis ans Meer fahren. So bereisten wir an unterschiedlichen Wochenenden die West- und Südküste Schwedens, anstelle von Oslo oder Kopenhagen und verbrachten viel Zeit in der wundervollen Natur.

Der Virus brachte nicht nur Negatives mit sich, denn dank ihm sind wir als Gruppe stark zusammengewachsen, er ermöglichte uns auch, jene Seiten Schwedens zu erkunden, welche wir unter anderen Umständen vermutlich einfach übersehen haben. Die Frage nach dem „was wäre wenn?“ begleitet mich aber auch ein halbes Jahr später.

The Remaining Cool People